Dienstag, 23. September 2008

Ehrbarer Kapitalismus

Der Kapitalismus hat seine Ehrbarkeit verloren“, beklagt in der Süddeutschen Zeitung Gustav Seibt.
Und dann weint er – schriftlich – um die guten alten Zeiten, wo der Kapitalist noch selbst ausgebeutet hat und nicht ausbeuten ließ und weist mit dem Finger auf die Hauptschüler, die so teure Handys haben und auch gierig sind. Man glaubt es nicht. Allen Anfertigern der herrschenden Meinung geht der Arsch mit Grundeis.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/345/311268/text/
Ich habe auch ein bisschen gepostet
„Ein herrlicher Sermon – so als hätte der Kapitalismus nicht ständig Opfer gekostet – bis auf den heutigen Tag. Ehrbarkeit – wie herrlich.

Und wie er den Menschen die Leviten liest und über die Gier bei Arm und Reich lamentiert. Niemand entkommt dem Seibtschen Bannstrahl. Ehrlich, muss das sein?

Rettet den Kapitalismus oder besser noch – sonntagspredigermäßig – Betet für ihn. Amen!“

Sonntag, 21. September 2008

Uschi Obermaier "High Times" und Hot Times

Ich war skeptisch, weil es ja so ein Medienknaller war, aber dann habe ich mit Vergnügen Uschi Obermaiers Memoiren „High Times“ gelesen. Als Buch und Film erschienen – lief ja alles unter dem Motto: Krawallnudel oder so. Das kann ja sein, aber mir gefiel die unverstellte Sprache und die schonungslose Ehrlichkeit. Sowas bekommt irgendwann eine eigene Qualität. Das Buch beruht auf Interviews, die sie einem Journalisten Olaf Kraemer gegeben hat. Und da gab es einige Probleme wegen ihrer Direktheit, die ihr dann in geschriebener Form – wohl doch unheimlich geworden ist.
Buchrezensenten sagen, Kraemer hätte diesen bayrischen Vorstadtslang selbst erfunden und ihn dann Obermaier in den Mund gelegt. Ich glaube das aber nicht. Das Buch ist sicherlich sehr unausgeglichen im Stil, aber manchmal dachte ich mir: Wenn da jemand noch mal drüber gegangen wäre, dann könnte das durchaus ein kraftvolles Stück Literatur sein.

Sie nimmt ja wirklich kein Blatt vor den Mund und bleibt sich selbst treu. Als junges Mädchen erkennt sie bald, dass eine Tätigkeit als Retuscheurin – sie beginnt eine entsprechende Lehre - wohl nicht so richtig das ist, was sie vom Leben erwartet. Was sie will ist Musik und Männer. Leben genießen und kiffen und überhaupt. Männer sind leicht zu kriegen, die fliegen auf sie, sie ist ein schönes Mädchen. Zum Beispiel der allseits noch immer sehr bekannte Rainer Langhans. Die Kommunegeschichten kennt man ja alles aus den Medien. Andere haben ihr angekreidet, dass sie auf politische Zusammenhänge nicht eingeht. Sie war halt unpolitisch – sie macht daraus auch kein Hehl. Aus Liebe hat sie sich auf den – seinerseits ja auch nicht allzu politischen Langhans eingelassen.

Mit Musikern hat sie auch recht intensive Begegnungen. Herrliche Sätze tauchen auf wie: „Manchmal war es mit den Musikern allerdings auch total niederziehend. Besonders mit den Kinks“. Die waren wohl nicht gerade nett zu Groupies.. Mir gefällt, dass die Obermaier das auch das nichtt nicht ausspart, Momente, in denen sie sich billig vorkommt. Mit Keith Richards von den Stones hat sie eine episodenweise Liaison. Das Leben mit Langhans ist irgendwann langweilig, Politik und Selbstfindung sind nicht ihre Sache. Also hin zu diesem Dieter Bockhorn. Der ist einer der Macker auf dem Hamburger Kiez, sie führen ein wildes Leben – Rauschgift kommt dazu. Bockhorn muss auch mal in den Knast.

Immer mal wieder steht die Frage, ob ihr Lover sie nicht auch auf den Strich schickt, aber das lässt sie sich nicht bieten Überhaupt setzt sie den Männern sehr viel Eigensinn entgegen, ist zum Teil schonungslos und hart. Sie lässt sich eben von Männern die Butter nicht vom Brot nehmen, aber wenn sie liebt ist sie großzügig und unendlich geduldig. Ich weiß immer nicht, ob erstere oder die letztere Eigenschaft die Männer mehr ängstigen.

Bockhorn und sie fliehen irgendwann auch vor den zunehmenden Gewalttätigkeiten auf dem Kiez. Mit einem Riesen Wohnmobil - allein schon die Art, wie sie das Ding finanziert haben, ist herrlich - touren sie durch Asien. Furchtlos und neugierig auf das Leben. Das sind schon tolle Geschichten, die sie da zu erzählen hat.
Die zweite Tour geht in die USA, wo Bockhorn, der mehr und mehr zum Junkie wird, mit dem Motorrad verunglückt. Sie stellt sich dem Niedergang entgegen und schafft sich eine neue Existenz. Und sie muss mit dem Altern fertig werden. Wie sie das tut- alle Achtung. Schon bei der Schilderung ihrer Modelerfahrungen ist sie von gesundem Realismus und erkennt, wie austauschbar Schönheiten sind, wenn da nicht noch was ganz Eigenes Unverwechselbares dazu kommt. Sie hasst es, von Casting zu Casting zu hetzen - überhaupt hält sich ihr Ehrgeiz in Grenzen. Gefällt mir auch, diese Unverbissene.

Es gibt sehr viele schöne Frauen, die Obermaier imponiert damit, dass sie neben dieser Schönheit eine Persönlichkeit ist, mit großer Stärke, viel Eigensinn und einem eigentlich guten Herzen, das sie aber nur zeigt, wenn sie in Stimmung dafür ist.

Sie will jetzt in Ehren eine ältere Dame werden. Na, wird doch.

Freitag, 19. September 2008

Münte und Steinmeier

Kommentar zu einem Beitrag in "Die Zeit"

Es kann ja sein, dass man naiv ist, wenn man das Bild, das die SPD mit ihrer Politik gegenwärtig bietet, abscheulich findet. Berechtigt wird wohl der Einwand sein, dass auch andere Parteien ... siehe Berliner CDU ... und so weiter. Aber, man ist wie man ist und guckt sich jene an, die Solidarität im Munde führen.

Die ganze SPD-Aktion und vor allem der sich so bieder gebende Müntefering machen mir schlicht und ergreifend einen Würgereiz. Einer der so volkstümlich, so Eins in Eins mit den Genossen tut und sich so „drüber“ dünkt, so viel weitsichtiger, als das dumm im Tal stehende Stimmvieh, das noch hinauf auf die Höhen der gegenwärtigen Machtkämpfe gezwungen werden muss. Diese Kante zeigen und Geschlossenheit und Arm in Arm – Politik wird dadurch nicht menschennäher und wärmer, sondern abstoßend und albern.

Schon Günter Gaus hat – als er vor vielen Jahren den Müntefering in seiner Sendung „Zur Person“ befragt hat, ihn immer wieder mahnen müssen, die gestanzten Floskeln zu vermeiden. Er tat damals als wisse er nicht, was gemeint ist, So tut er auch jetzt. Der ist in seinem Element. Er weiß oder meint zu wissen, was das Volk will und dass das Volk schnell vergisst. Er liebt es dafür und er verachtet es dafür. Das kommt mir aus anderen Zeiten alles sehr und unappetitlich bekannt vor.

Ich glaube deshalb nicht, dass Müntefering ein „Münte“ ist . Dessen Namen sollte man schon in voller Länge aussprechen, weil er in aller Ausführlichkeit wenig von jemandem „wie Du und ich“ hat, auch wenn er so tut. Dieses andauernde „So tun als ob“ nun wieder ist ein weiterer Grund, dass einen diese ganze Veranstaltung so suspekt ist.

Freitag, 5. September 2008

Glück gehabt

Gestern war ich mit meiner Freundin unterwegs nach Berlin-Marzahn – eine Strecke von der ich dachte, sie sei ziemlich lang.
Weil gerade die S-Bahn in Pankow eingelaufen war, waren wir nach oben gestürzt und haben sie auch noch erwischt. Einige Stationen später betraten Fahrscheinkontrolleure den Wagen und meine Freundin ächzte los. „Mein Gott ich habe vergessen, zu entwerten“. Rummss. Das kostet inzwischen 60 Euro. Ich habe ja eine Monatskarte und nahm von ihr das Gleiche an.

Wir sahen keine Chance mehr zu entkommen und schickten uns in das Unvermeidliche. Was soll ich sagen – B. zeigte der Kontrolleurin die zwei gekauften Fahrscheine, erklärte, dass sie das wirklich vergessen hat, weil in Eile und – man will es kaum glauben - der Würgegriff löste sich, nachdem sich die Kontrolleurin die Fahrkarten genau angesehen hatte. Sie erklärte uns sogar, dass es besser sei, den Entwerter auf dem übernächsten Bahnhof zu nutzen, da sei er näher an diesem Wagen sei und leichter erreichbar und wir könnten sicher mit der gleichen Bahn weiterfahren. Das taten wir und fielen dann erleichtert in die Sitze des nächsten Waggons.

So ein Glück. Mensch, das hätte alles verdorben – denn wir waren unterwegs zu meinem Vortrag über Ingeborg Bachmann in einem Marzahner Frauentreff. Ich selbst bin – trotz gewonnener Erfahrungen und Routine – doch immer ein bisschen aufgeregt. Ich fragte mich besonders in diesem Fall: Gelingt es, eine so schwierige Autorin nahe zu bringen und die Zuhörer zu gewinnen. Und – am Ende löste sich alles gut. Ich spürte schon während meines Vortrages, dass alle konzentriert waren und bei der Sache. auch die „Literaturferneren“. Meine Freundin war sehr angetan und meinte, es wäre richtig spannend gewesen. Wir zogen hochbeglückt wieder in Richtung Pankow in den „Olivenbaum“ auf was zu Essen und ein paar Bierchen. Mein Gott, wie beschissen hätte ich mich gefühlt, wenn sie 60 Euro Strafe hätte bezahlen müssen.

Am Abend war ich restlos fertig auf der Bereifung – schlief schon gegen halb zehn auf der Couch ein. Aber – es war gut. Und ich habe dort gleich noch ein neues Thema verkauft: Franziska Gräfin zu Reventlow. Die wird gerade wieder entdeckt und ist eine tolle Frau gewesen. Das wird mein nächstes Projekt.

Samstag, 5. Juli 2008

Rassismus in Ost und West

Nehmen wir mal an – in einem kleinen Ort in Deutschland wohnt ein Schwarzer aus Nigeria mit seiner weißen Verlobten. Von Anfang an werden er und seine Freundin rassistisch beschimpft. Die Siedlung wird vorwiegend von Hartz IV-Empfängern, sozial Deklassierten auch Kleinkriminellen – Verlierern eben - bewohnt. Eines Tages kommt der Schwarze an einer Gruppe trinkender Leute vorbei – sie pöbeln ihn an, halten ihn auf und schlagen ihn. Dann verfolgen sie ihn bis zu seiner Wohnung. Sie treten gegen die Tür. Er springt aus dem Küchenfenster und sticht im Kampfgerangel mit dem Messer zu. Einer der Schläger wird am Hals getroffen, muss ins Krankenhaus, kann aber bald wieder entlassen werden.

Was würde man bei so einer Szenerie wohl berichten, wenn sie im Osten spielte: „Rassismus in Ostdeutschland –Mob verfolgt Schwarzen“. Und wenn jemand erklären würde, dass der Schwarze ein Wirtschaftsflüchtling war und es seiner Umgebung auch nicht leicht gemacht habe – würde man das als billige Entschuldigung abtun. Aber es ist eben nicht der Osten, sondern das Ganze hat sich in Wahlstedt bei Bad Bevensen abgespielt.
Und da wird nicht gnadenlos generalisiert und vielleicht über Rassismus in Nordwestdeutschland und daraus eine allgemeine Mentalität definiert.
Und wenn ein Staatsanwalt im Osten sofort den Schwarzen als Verdächtigen und Schuldigen anklagen würde, du liebe Güte, was gäbe das für ein Geheul.

Und wenn man so was in irgendeiner Debatte aufbringen würde, dann würde einem möglicherweise entgegengehalten, dass man kalt und mitleidslos einen armen Menschen zum Beweismittel macht.
Es gibt zwei Sichten auf Ereignisse – je nachdem in welchem Teil Deutschlands sie spielen. Und das ist übel und kränkend und macht die Menschen böse und ungeduldig – unwillig zu Einsicht und Änderung.

Weltliteratur an den Karower Teichen

http://www.welt.de/welt_print/article2176210/Berlin_ist_immer_noch_verletzt.html

Heute war ein Interview mit Jonathan Franzen in der „Welt“. Er gibt bereitwillig zu allen möglichen Themen Auskunft, vor allem zu Berlin, das er noch immer als eine verletzte Stadt erlebt.
Er stellt – sich wiederholend – fest, dass ihn Berlin so reizt, weil es einfach nicht fertig ist. Er findet die neue USA-Botschaft nicht so richtig gut, will aber nicht dem allgemeinen Gemaule sekundieren.
Und er meint, dass New York und Berlin nicht vergleichbar seien. „In New York dreht sich alles ums Geld. Die Menschen dort werfen ständig einen Blick über ihre Schulter, ob hinter ihnen nicht jemand kommt, der besser ist. Von Berlin habe ich einen anderen Eindruck. Hier scheinen die Menschen Zeit zum Frühstücken zu haben. Und manchmal trinken sie einfach den ganzen Tag Bier.“
Wie wahr, wie wahr. (Hartz IV und Bier, das lob’ ich mir)

Aber das wirklich Rührende für mich war, dass Franzen zu den Orten, die ihn in Berlin faszinieren, weil sie so ruhig und unstädtisch sind, die Karower Teiche zählt. Das ging mir nahe. Er hat jene Biotope durchforstet – zwischen Tegel und Buch, durch die ich mich so oft und bewegt mit der S-Bahn bewegte, eine einzigartige Landschaft in der Stadtlandschaft.
Wie isses doch schön: Am literarischen Geschehen ist man nicht allein durch Teilnahme an literarischen events beteiligt, sondern vor allem durch die gleichen Gefilde, die man durchstreift.

Ein fantasierter literarischer Dialog könnte so gehen.

Frage: „Kennen Sie Jonathan Franzen?“

Antwort: „Ja, der Jonathan, ich streifte jüngst mit ihm um die Karower Teiche. Wir blickten auf das Wasser, deren Klarheit für Berlin noch immer erstaunlich ist. Von fern ratterte die Bahn und Franzen meinte: „Wie schön, dass hier immer und andauernd nichts fertig wird“.
Ich wandte ein: „Wenn nichts fertig wird, dann braucht man ja auch keine „Korrekturen“. Aber das focht ihn nicht an.

Jetzt muss ich „Die Korrekturen“ bloß noch lesen.

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Zuletzt aktualisiert: 12. Apr, 12:18

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