Ich wünsche mir, dass die Leute angesichts der kommenden Probleme nicht vergessen, dass sie Menschen sind.
Ich selbst wünsche mir - wie immer - mehr Beständigkeit und Gelassenheit.
Das ist zugegeben nicht gerade sehr tiefsinnig, aber ich möchte es trotzdem in mein öffentliches Tagebuch schreiben.
Vor einigen Tagen kam mir an der Straßenbahnhaltestelle eine Dame entgegen, die mich entsetzt ansah. Erst bei näherem Hinsehen erkennte ich, dass sie eher entsetzt an mir vorbeisah. „Eine Ratte“, erklärte sie auf meinen fragenden Blick hin und wies auf den Gehweg hinter mir. Ich sah mich um, aber da war sie schon weg.
Erst nach einer Weile traute sich das scheue Tier wieder hervor. Ziemlich unängstlich. Ich erzählte meinem Mann davon. Der meinte, er habe im Umfeld unseres Hauses auch schon einige der Tiere gesehen. Und – seit einigen Tagen sind die bekannten roten Warnhinweise mit der Aufschrift Rattengift an allen Haustüren zu sehen.
Mir fiel der Beginn von Albert Camus „Die Pest“ ein. Da kommen vor der Epidemie ja auch die Ratten erst einmal aus der Kanalisation. Martin Kannegießer – der Präsident Gesamtmetall - verstieg sich bei der letzten Sendung von Anne Will – angesichts der kritischen Anmerkungen von Jutta Ditfurth auch zu der Bemerkung: Jetzt kommen sie aus allen Löchern. Das mit der Ratte ist offensichtlich ein Bild, das in diese Zeiten passt.
In Berlin hat die Rattenplage auch gleich noch eine politische Ratte aufgescheucht und zu sehr kreativen Vorschlägen gebracht.
Es wäre doch gut, wenn sich arme Leute - zum Beispiel Hartz IV-Empfänger – neben der Tätigkeit des Flaschensammelns - auch dem Rattenfängerwesen zuwendeten. Sie könnten ja pro Ratte 1 Euro bekommen.
Naja, ein Zyniker eben, der gemeint hat, er drückt die Meinung seiner politischen Freunde aus. Die denken so etwas sicherlich auch hin und wieder, aber sie würden das nie so sagen und deshalb kann man jetzt die berühmten Weltmeisterschaften im „Zurückrudern“ bewundern.
Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus missbilligt die Äußerungen seines Parteifreundes zutiefst, ist ja klar. Sie sind doch nicht zu ratten, pardon zu retten – diese Politiker.
Es ist schon einen Monat her, aber es war so klasse. Meine Lesung bei EWA. Es war zwar eine öffentliche Veranstaltung, aber ich habe auch privat dafür ordentlich Reklame gemacht. Und so waren wir eine ziemliche Runde.
Ich kann gut vortragen, habe Sinn fürs timing und sie haben Tränen gelacht. Rita, die bei EWA diese Veranstaltungen managt, hat, wird mich auch im nächsten Jahr wieder einplanen.
"Der Mensch ist nicht gut. Die Gesellschaft verfolgt und bedroht die Armen, (...) Kein Wunder, dass ich jedesmal, wenn ich die Politiker im Scheinwerferlicht weise Sprüche klopfen höre, Lust habe sie zu ohrfeigen. Ob sie vom Krieg reden, von den Steuern von der Geldentwertung oder den Arbeitslosen, sie lügen mit dem einzigen Ziel, ihr auf Diebstahl gegründetes System zu bewahren. Und für dieses schmutzige Geschäft verkleiden sie sich (...) sprechen mit milder Stimme, schwitzen aber vor Angst um ihren guten Platz. Unmöglich, ihnen auch nur ein Wort zu glauben".
Als ich das heute las, fiel mir ein, dass in einer angekündigten Kultursendung die Rückkehr eines lange vermissten Lebensgefühls gewürdigt werden sollte. Das des Zorns.
Wieso Rückkehr? Die Medien konstatieren immer nur Zustände, die sie selbst widerspiegeln. In diesen Tagen sind auch die Medien Grund und Gegenstand des Zorns. Sie wählen aus, sie entscheiden in Komplizenschaft mit denen, die sie für am Mächtigsten halten, was auf die öffentliche Agenda soll und was nicht. Und vor allem, wie etwas öffentlich behandelt wird.
Wenn sie ein Thema nicht aufgreifen, verschwindet es. Öffentlicher Zorn wurde in den letzten Jahren als albernes Stemmen gegen den Strom der Zeit, als unmodern und lächerlich abqualifiziert. Jetzt ist er also wieder da
Das Zitat von oben aber ist alt. Es stammt von Claire Goll, stammt aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg und spielt auch noch in Frankreich. Es ändert sich nicht viel in der Politik.
Eine Bekannte hat – im Rahmen ihrer Arbeit – eine Umfrage unter Leuten gemacht, die aus beruflichen Gründen pendeln müssen. Sie hat mit einem Mann gesprochen, der im Tiefbau arbeitet, dort gutes Geld verdient, aber unendlich schuften muss. Er ist wohl auch so Mitte 30, hat aber schon massive Rückenprobleme und andere beruflich bedingte Ausfälle. Sie arbeiten meist 10 bis maximal 15 Stunden. Meist fahren sie Freitagmittag nach Hause – im Falle des Befragten ist es eine Fahrt von Berlin in die Niederlausitz. Sie wissen natürlich nicht, ob es auch dabei bleibt. Es kann sein, dass sie Freitag noch weiterarbeiten müssen Das kann man ihnen erst immer in der letzten Minute sagen. So ist es nun mal – Halte Dich zur Verfügung.
Die Ehefrau des Befragten arbeitet als Schweißerin. Sie steht morgens um vier Uhr auf, Sie weckt das Kind und macht es für den Kinderhort fertig. Dann arbeitet sie – meist auch länger als vorgesehen. Wenn sie nach Hause kommt, ist sie erst einmal fix und fertig. Sie behandelt die schmerzenden Knie und geht dann gegen 20 Uhr ins Bett. Sie hat für nichts anderes Zeit als für ihr Kind und die eigene Regeneration. Wenn sie zum Elternabend muss, ist das für sie schon eine Anstrengung.
Beide verdienen gut, aber niemand weiß, wie lange das geht und überhaupt. Und sie verdient wenig für diese schwer Arbeit. Es ist ein Glück, wenn man in diesem Lande Arbeit hat, aber der Preis ist oft hart.
Und nie, aber auch nie gibt es einen Beitrag im Fernsehen über Leute in ihrer Arbeit. Die Medien sind soweit weg von den wirklichen Problemen der Leute – eine Verblödungssendung löst die andere ab. Heute im presseclub waren die Vertreter des mainstreams wieder völlig „unter sich“. Wozu müssen die noch debattieren.
Sie waren – im Wesentlichen – einverstanden mit den Maßnahmen zur Stabilisierung, sie debattieren über Details des Rettungsplanes – am Ende kommt so ein Nebensatz: Für die Beschäftigten in manchen Branchen wird es eng. ich bin überhaupt gar nicht mehr „betroffen“ im engeren Sinne, aber ich finde, dass diese Gesellschaft so geteilt ist, so auseinander, dass es nicht gut sein kann. Leute sind massenhaft fremd in diesem Land. Sie müssen gar keine Migranten sein.
Das ist schon putzig. Die Zeiten sind nicht gerade rosig, die Finanzkrise und die damit einhergehende Verunsicherung. Und siehe da – auf einmal finden sich Terroristen an, zumindest Absichtsterroristen.
Man kann auch sagen Ablenkungsterroristen.
Und in allen meinungsbildenden Beiträgen wird unterstrichen, dass die jetzige Krise der Investmentbanken keineswegs die Marktwirtschaft infrage stellt und die soziale schon gar nicht. Man fragt sich, warum sie dann so beflissen an ihr gesägt haben.