Literarisches

5
Jul
2008

Weltliteratur an den Karower Teichen

http://www.welt.de/welt_print/article2176210/Berlin_ist_immer_noch_verletzt.html

Heute war ein Interview mit Jonathan Franzen in der „Welt“. Er gibt bereitwillig zu allen möglichen Themen Auskunft, vor allem zu Berlin, das er noch immer als eine verletzte Stadt erlebt.
Er stellt – sich wiederholend – fest, dass ihn Berlin so reizt, weil es einfach nicht fertig ist. Er findet die neue USA-Botschaft nicht so richtig gut, will aber nicht dem allgemeinen Gemaule sekundieren.
Und er meint, dass New York und Berlin nicht vergleichbar seien. „In New York dreht sich alles ums Geld. Die Menschen dort werfen ständig einen Blick über ihre Schulter, ob hinter ihnen nicht jemand kommt, der besser ist. Von Berlin habe ich einen anderen Eindruck. Hier scheinen die Menschen Zeit zum Frühstücken zu haben. Und manchmal trinken sie einfach den ganzen Tag Bier.“
Wie wahr, wie wahr. (Hartz IV und Bier, das lob’ ich mir)

Aber das wirklich Rührende für mich war, dass Franzen zu den Orten, die ihn in Berlin faszinieren, weil sie so ruhig und unstädtisch sind, die Karower Teiche zählt. Das ging mir nahe. Er hat jene Biotope durchforstet – zwischen Tegel und Buch, durch die ich mich so oft und bewegt mit der S-Bahn bewegte, eine einzigartige Landschaft in der Stadtlandschaft.
Wie isses doch schön: Am literarischen Geschehen ist man nicht allein durch Teilnahme an literarischen events beteiligt, sondern vor allem durch die gleichen Gefilde, die man durchstreift.

Ein fantasierter literarischer Dialog könnte so gehen.

Frage: „Kennen Sie Jonathan Franzen?“

Antwort: „Ja, der Jonathan, ich streifte jüngst mit ihm um die Karower Teiche. Wir blickten auf das Wasser, deren Klarheit für Berlin noch immer erstaunlich ist. Von fern ratterte die Bahn und Franzen meinte: „Wie schön, dass hier immer und andauernd nichts fertig wird“.
Ich wandte ein: „Wenn nichts fertig wird, dann braucht man ja auch keine „Korrekturen“. Aber das focht ihn nicht an.

Jetzt muss ich „Die Korrekturen“ bloß noch lesen.

31
Okt
2006

Günter de Bruyn zum 80.

Wenn ich mich mal literarisch wieder erheitern will, dann lese ich ein Buch, das sicher nicht mehr allzu viele kennen. Es heißt „Märkische Forschungen“ und schildert den Leidensweg des DDR-Hobbyhistorikers Pötsch, der mit seinen Entdeckungen über einen preußischen Dichter in die Frontlinien der Erbepflege-Debatte in der DDR gerät.

Er trifft eines Tages zufällig sein großes Vorbild, den Germanisten Professor Menzel, und will ihm bei der Forschung über das Leben des von beiden verehrten Dichters Max von Schwedenow zur Hand gehen. Schon das ist ein herrliches Sittenbild über den Wissenschaftsbetrieb im Allgemeinen unter besonderer Berücksichtigung der DDR-Wissenschaftsscharmützel, - intrigen und –rankünen.

Der Landlehrer Pötsch entdeckt, dass der soeben für das sozialistische Erbe requirierte Dichter Max von Schwedenow nicht auf irgendwelchen Revolutionsbarrikaden sein Leben ließ, sondern nach einer sehr traurigen Liebesgeschichte sein Auskommen bei der preußischen Zensur fand – nix mit revolutionärer Vita, nix mit Einverleibung.
Das macht ihn zu einer Unperson, zu einem Gegner für den Germanistenmogul Menzel und das wird ihn teuer zu stehen kommen.

Aber wie der Autor Günter de Bruyn das schildert, das ist – nicht nur wenn man die DDR kennt – ein höchst spöttisches, aber überhaupt nicht galliges, stilistisch elegantes Stück zu einem Thema, das in allen Gesellschaften eine Rolle spielt – der Definitionsmacht nämlich. Wer bestimmt, wie was war und wer wer war und welcher Bannstrahl trifft den, der anderes als das Definierte meint.

De Bruyn wurde in der DDR Mitte der 60er Jahre schlagartig bekannt mit seinem Eheroman „Buridans Esel“, später schrieb er „Preisverleihung“ und „Neue Herrlichkeit“, sehr kritische Bücher, die auch im Westen ihre Leser fanden.
Morgen wird er 80 Jahre alt. Ein Balance-Künstler zwischen Anpassung und Eigenwillen, ein zeitlos großer Autor und übrigens bei den Frauen auch sehr beliebt.
Auch Angela Merkel will zu seinen Ehren erscheinen.
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