Mittwoch, 27. Juni 2007

Ein Jammerstück

Kranksein ist schlimm und nicht unterhaltsam. Aber es ist Alltag und soll darum hier vermerkt sein. Seit fast vier Wochen laboriere ich herum. Erst eine Mandelentzündung, dann auf einmal eine allgemeine Schwäche, vielleicht ein Virusinfekt, den niemand erkennt. Aber im Gegensatz zu früheren Heimsuchungen geht es nicht weg. Schwindel, Benommenheit, Überdruss sie klammern sich an mich wie bösartige Kobolde.

Mit ungeklärten Sachen gerät man leicht in die Zwänge der Gesundheitsreform. Weil Quartalsende ist sollte die Diagnostik eigentlich auf den Anfang Juli verschoben werden. – Laborbesuche zum Beispiel Ich habe meine müden Knochen noch mal in die Praxis geschoben und gedrängelt. Und die Ärztin war doch so erschreckt, dass sie mir für heute einen Labortermin gegeben hat. Dahin bin ich nun heute morgen geschlurft – immer in dem Gefühl, ich sinke gleich hin. Weil ich das aber schon kenne seit der letzten Zeit, überwinde ich die ersten Panikmomente und bleibe an der Straßenbahnhaltestelle ruhig sitzen, um auf den Anschluss zu warten. Und ich sage mir, „Das geht vorbei, das geht vorbei, das geht vorbei...aber es ist ganz schrecklich. Auf einmal sind alle Strecken, die ich sonst so gern und behände und schnell durchmesse, lästige, quälende Hindernisse.

Schwer auf der Seele lagen mir all die versäumten schönen Termine der letzten Zeit: Die Reise nach Leipzig, die Treffen mit Bekannten. Das Einzige, woran mir liegt, ist häusliche Geborgenheit, Ruhe und Ungestört sein. Am Freitag habe ich einen Termin in der Hauptschule mit unserem Erzählprojekt. Ich hoffe sehr, dass ich bis dahin vielleicht doch ein bisschen besser drauf bin, aber ich verspüre jetzt etwas, das ich seit Jahrzehnten nicht mehr hatte – Erwartungsangst.

Was mir gut tut, das ist mein Mann. Der ist immer freundlich, versorgt mich und hört sich mein Gejammer an. Ein Segen.

Sonntag, 15. April 2007

Wort zum Sonntag

Im Zuge christlicher Rückbesinnung wird das religiöse Leben im Rundfunk - Deutschlandradio Kultur - durch ein "Wort zum Tage" und eine Sendung "Feiertag" widergespiegelt.
Heute gings da um den lieben Gott und seine Absichten mit uns Erdenmenschen (wer hätte das gedacht)

Da wird uns so richtig warm ums Herz, denn wir erfahren, dass der liebe Gott von uns nichts Unmögliches begehrt. Überhaupt nicht, er will das, was alle "höheren Instanzen" von uns wollen: Fordern und fördern will uns der liebe Gott, sagt irgendso ein Religionsfuzzi beim morgendlichen Andachtsgeschwätz. Er hat es gerade beim Gedankenaustausch mit IHM erfahren. Das machen die immer turnusmässig in einer Eckkneipe zum "Himmlischen Tropfen". Da kriegt er dann immer die Anregungen von IHM, der Christenmulllah und darf uns mit Erkenntnissen heimleuchten.

Und wir wissen: Aha, der liebe Gott will uns fördern und fordern. Und da fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Der liebe Gott will das Gleiche, wie das Arbeitsamt. Der liebe Gott ist der Repräsentant des Jobcenters für alle Hartz IV Empfänger. Wie schlicht sind doch die Wege Gottes und wie noch schlichter die Gehirnwindungen derer, die uns Gottes Willen erläutern und auslegen.

Liebe Hartz IV-Empfänger, wenn Ihr mal wieder schwarz arbeitet, denkt daran, der liebe Gott hat einen direkten Draht zu Eurem Jobcenter. Und wenn er petzt, dann steht Ihr schön da. Amen

Dienstag, 13. Februar 2007

Kommunikationsprobleme

Ich wundere mich über mich. Als heute früh das grüne Licht an der NTBA aus war und das Telefon nicht ging, dachte ich, dass es jetzt bestimmt drei Wochen dauert, bis alles wieder so ist, wie es eingerichtet war bevor mich diese Schnapsidee mit dem neuen Tarif heimsuchte: Gemütlich, komfortabel, nicht auf dem allerneuesten Stand, aber o.k. Punkt.

Wutentbrannt, meinen Mann schier erschreckend, rannte ich in der Wohnung hin und her und jammerte: Ich habs ja gewusst, die halten sich nicht an die Stornierung, alles Mist. Der wollte mich beruhigen, aber damit erreichte er beinahe das Gegenteil. Ich zog fluchend meinen Mantel an und verließ das Haus. Es war beinahe ein Glück, dass ich mich gleich früh mit einer Mitstreiterin zu einem Termin verabredet hatte. Ich kam zwar abgeäschert an und wenig präpariert für das Gespräch mit einer Hauptschullehrerin über unser "Bildungsangebot", aber wenigstens wechselte ich aus dem Bannkreis virtueller Kommunikationsprobleme in den ganz normaler alltäglicher Kommunikation.
Es ist schon verrückt. Vor einem Jahr habe ich noch mit älteren Damen herumgewirtschaftet, in den nächsten Wochen sind es Hauptschüler. Eine siebte Klasse, einige aus schwierigen Verhältnissen, aber doch - wie die Lehrerin anmerkte - "ganz lieb". Wie und was wir mit denen machen, soll sich auch ein bisschen aus der Situation ergeben. Es soll im Rahmen des Ethikunterrichts angeboten werden. Ich bin selbst gespannt. Das Einzige, was ich mitbringe, ist, dass ich Kinder und junge Leute ernst nehme, mich aber auch nicht anbiedere. Ob das reicht, weiß ich nicht. Muss man sehen. Die Umstände des heutigen Treffens waren wenig geeignet, mich gelassener zu stimmen. Aber die Lehrerin hat mir gut gefallen. Die sind einfach Kummer gewöhnt. Ich kann auch "auf Grund laufen" mit dieser ganzen Geschichte, aber versuchen will ich es jetzt trotzdem.

Als ich nach Hause kam, war das grüne Lämpchen wieder an, das Telefon ging wieder und auch ins Netz komme ich, wie mein Schreibschwall beweist. Sie haben offensichtlich geschnallt, dass die Endgeräte nicht installiert sind und - hoffentlich - ohne nachfolgendes Theater wieder umgeschaltet.

Dienstag, 30. Januar 2007

Ich war, ich bin, ich werde sein

„Rosa Luxemburg war selbst schuld an ihrer Ermordung. So sieht das jedenfalls Richard Schröder. Im Film über die 1919 getötete politische Aktivistin, den der RBB heute in seiner Reihe "Lebensläufe" zeigt, zitiert der Theologie-Professor mit SPD-Parteibuch die "Zauberlehrlings"-Zeile "Die ich rief, die Geister" und erklärt kühl den Mord durch Mitglieder des Reichskorps: "Man wird den Einsatz militärischer Mittel gegen einen Putsch nie vermeiden können." (Berliner Zeitung, 29. 01. 07).
Kühl? Nein, eiskalt und unfromm war das anzuhören. Aber es ist eigentlich nicht erstaunlich, dass sich ein „rechter“ Sozialdemokrat wie Schröder gegen eine „linke“ Frau wendet, der man anekdotisch nachsagt, sie habe sich und Klara Zetkin einmal als die einzigen Männer in der SPD bezeichnet. Da kriegt er natürlich einen heiligen Zorn, der Gottesmann.
Der Film - ein Höhepunkt dokumentierten Desinteresses an dieser Frau - wäre auch nicht erwähnenswert, wenn er nicht den trüben Zeitgeist widerspiegelte.
Neben Richard Schröder war noch Freya Klier zu vernehmen, immerhin eine von den Bürgerrechtlerinnen, die im Namen von Rosa Luxemburg gegen die Meinungskonformität der DDR zu Felde zogen. Nachdem sie die Luxemburg gönnerhaft wegen ihrer Kommunikationsstärke – ohne Handy und andere Hilfsmittel – belobigt, stellt sie ihr die großen historischen Irrtümer in Rechnung. Der Spruch von der Freiheit der Andersdenkenden gehört – bei den Wendungen der Frey Klier gemacht hat - hoffentlich nicht zu diesen Irrtümern. Man kann es ja nicht wissen.

Selten gewürdigt wird die unglaubliche Sprachkraft von Rosa Luxemburg.
Irrtümer hin oder her. Noch immer geht es mir unter die Haut, wenn ich ihre Worte – geschrieben kurz vor ihrer Ermordung - lese:„'Ordnung herrscht in Berlin!' Ihr stumpfen Schergen! Eure 'Ordnung' ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon 'rasselnd wieder in die Höh' richten' und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war ich bin ich werde sein!"

Diese Sprachmacht würdigte auch der große Karl Kraus. In einem Beitrag des österreichischen Magazins „Augustin“ wird berichtet, dass er ein Jahr nach Rosa Luxemburgs Ermordung in der „Arbeiter-Zeitung“ einen Brief entdeckte, den sie aus dem Gefängnis an Sonja Liebknecht geschrieben hat:

„Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt, auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wegen vom Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken ..., die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt, statt mit Pferden, mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ... die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, daß es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen, und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt, bis daß für sie das Wort gilt „vae victis“ ... An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. – Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, daß die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, daß die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! „Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid“, antwortete er mit bösen Lächeln und hieb noch kräftiger ein ... Die Tiere zogen schließ an und kamen über den Berg, aber eins blutete ... Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still und erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll ... ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter – es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien saftigen grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier – diese fremde schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden furchtbaren Menschen, und – die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt ... Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. – Derweil tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus; der Soldat aber streckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff leise einen Gassenhauer. Und der ganze herrliche Krieg zog an mir vorbei ...
Schreiben Sie schnell, ich umarme Sie, Sonitschka.

Karl Kraus druckte ihn in der „Fackel“ ab mit dem Geleitwort: „Schmach und Schande jeder Republik, die dieses im deutschen Sprachgebrauch einzigartige Dokument von Menschlichkeit und Dichtung nicht (…) zwischen Goethe und Claudius in ihre Schulbücher aufnimmt und nicht zum Grausen vor der Menschheit dieser Zeit der ihr entwachsenden Jugend mitteilt, dass der Leib, der solch eine hohe Seele umschlossen hat, von Gewehrkolben erschlagen wurde.“

Inspiriert davon suchte ich nach einer gerechten Stimme der Gegenwart über Rosa Luxemburg und fand das Zitat von Walter Jens: "Die Humanität in unserer Gesellschaft, wird sich auch danach bemessen, inwieweit wir das Erbe Rosa Luxemburgs in Ehren halten."

Sonntag, 28. Januar 2007

Milan Peschel

Vor vielen Jahren – es war meine erste Arbeitsstelle – hatte ich eine Kollegin, die zwar sehr freundlich war, aber zu allen Leuten doch einen unüberwindbaren ironischen Abstand hielt. Sie war in meinem Alter, klein wie ich, recht stämmig und hatte ein lustiges, bebrilltes Gesicht. Wir alberten zusammen, lachten viel, aber sie sprach selten ernsthaft. Alles durchlief bei ihr eine Art von Verfremdungsmechanismus, so dass sie über ernste Sachen sehr albern und über alberne Sachen todernst reden konnte. Ich fragte sie mal direkt, warum sie das tut. Das war dumm, denn die Antwort hätte ich mir auch selbst geben können. „Mein Gott, jeder braucht seine Masken“, antwortete sie mir unwillig.
Sehr imponierte mir ihr Mut, sich so zu präsentieren, wie sie selbst es für gut und richtig hielt. Sie trug – entgegen allen Ratschlägen von Modeexperten - noch immer Miniröcke und lief mit ihren runden, festen Beinen nachdrücklich auftretend durch das Haus. Sie war verheiratet und hatte ein Söhnchen von damals drei oder vier Jahren. Von ihm sprach sie immer in liebevollstem Ton, mit ihrem Mann hatte sie immer mal wieder Zank.

Wir, der Mann von uns drei Kollegen der kleinen Abteilung, und ich - zogen sie mit diesem Söhnchen immer auf, weil er den Namen „Milan“ führte. Der Name ist im tschechischen so habe ich gehört, gar nicht so selten. In unseren Breiten war er selten und bekannt nur als Name für einen Vogel. Wenn wir die Kollegin necken wollten, trugen wir ihr immer Grüße auf an den „weißen Milan“ oder fragten, was das Vogeljunge so treibt.

Bald trennten sich unsere Wege. Ich kündigte und arbeitete anderswo. Erst nach der Wende sah ich sie mal bei einer Behörde und wir grüßten uns von weitem. Bald schon tauchte der Name, dessentwegen wir sie immer so geneckt hatten, in anderem Zusammenhang auf. Auf dem Besetzungsplan von Castorfs Ostberliner Volksbühne stand ein Milan Peschel, erst seltener dann immer öfter.
Und als sie kürzlich diesen hübschen Film „Netto“ im Fernsehen zeigten, da sah ich ihn zum ersten Mal in einer Hauptrolle. Und sofort fiel mir die große Ähnlichkeit mit seiner Mutter auf. Inzwischen macht er alles, was es an kreativem gibt auf diesem künstlerischen Feld. Er spielt in Filmen, Haupt- und Nebenrollen, jetzt zum Beispiel in dem Film über Uschi Obermaier, in „Lenz“, einer Büchnerverfilmung, er führt auch Regie am Gorki-Theater.

Heute hat er in der „Berliner Zeitung“ ein langes Interview. Da erzählt er auch über seine Mutter ein bisschen, über die schwierigen Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen ist. Das wirft noch ein genaueres Licht auf die Gründe für ihr Verhalten. Er hat ein gutes liebevolles Verhältnis zu ihr. Das kann man da nachlesen. Wie sie ihn und seine Schauspielerneigungen behutsam gefördert hat und wie sie für sich selbst ein neues Leben begonnen hat und dass sie jetzt in einem Haus zusammen wohnen. Das ist schön.

Sehr gefreut habe ich mich, dass er – befragt nach seiner Meinung über „Das Leben der anderen“ – dezidiert feststellt: (Das) „ist für mich kein Film über die DDR“. (Er ist) „Ein halbwegs gut gemachter Hollywoodfilm mit deutschen Schauspielern. Ein richtiger Konflikt, den ein Mensch mit sich und seinen Idealen hat, sieht ganz anders aus.“

Es ist schon so: Ohne das Internet hätte ich diese interessante Laufbahn nicht so schnell in den Blick bekommen.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/magazin/624011.html

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