Dienstag, 26. Januar 2010

Natascha Kampusch

Ohmacht und Zorn überleben

Die Sendung über Natascha Kampusch

http://daserste.ndr.de/reportageunddokumentation/kampusch104.html

ging uns lange nach. Meinem Mann imponierte vor allem die verbale Ausdrucksfähigkeit und mich die Fähigkeit zur Reflexion. Schon in den ersten Interviews nach ihrer Befreiung benannte sie das Radio hören, Lesen und Lernen überhaupt als wichtige Überlebenshilfen. Sie hat davon gelernt, sich hervorragend zu artikulieren.

Was auch immer der Grund für diesen Film war - vielleicht die Hoffnung, danach in Ruhe gelassen zu werden – er war sehr bewegend. Sie selbst benannte gegen Ende der Sendung ihr inneres Ziel, unbedingt zu vermeiden, dass man sie als Opfer darstellt und dies von Anfang an, weil man sonst der Öffentlichkeit erlaube, sie weiter nach unten zu stoßen, immer und immer wieder. Das klang nach bitteren – auch medialen - Erfahrungen.

In der Gefangenschaft hat sie – wie sie berichtet – eine seelische Strategie entwickelt, die es ihr ermöglichte, sich innerlich von ihrem Entführer zu distanzieren und zu befreien. Sie nannte es, „Verzeihen“. In dem Moment wo ihr Gewalt und bösartige Willkür widerfuhren, verzieh sie ihm das schon. Sie betrachtete ihn als kranken Menschen, der nicht anders handeln kann.
Nur so konnte sie sich vor den zerstörerischen Folgen von Hass und Ohnmacht retten. Sie meinte, mit diesen destruktiven Gefühlen im Herzen hätte sie nicht überlebt. Aggressionen, die man nicht ausagieren kann oder auch nicht will, brauchen eine Umwandlung. Mir fiel die christliche Strategie des „Verzeihens“ ein, oder auch dies „Die andere Backe“ hinhalten. Schafft man damit nicht auch genau die Gleiche ? Und – überhebt man sich damit nicht über jenen anderen Gewalttätigen, scheinbar Stärkeren?
Der Aggressive, der es nicht besser weiß und der Duldsame, unendlich Weisere, der seine Ohnmacht mit dieser Überlegenheitsstrategie bewältigt? Andererseits - ist Aggressivität nicht auch eine zutiefst menschliche Eigenschaft? Es gibt ihn eben doch, den Unterschied zwischen einfachem Verdrängen und Sublimieren - vielleicht.
In Kampuschs Fall war es auf jeden Fall eine wirksamer und weiser Umgang mit Ohnmacht und Ausgeliefert sein.
Mir fiel noch vor dem Einschlafen das Buch von Viktor E. Frankl ein:
„...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“.

http://www.amazon.de/trotzdem-Leben-sagen-Konzentrationslager/dp/3423301422

Er schreibt im Vorwort; der Gedanke, er stünde später einmal vor einem Auditorium und berichte über diese demütigende, entsetzliche Zeit aus wissenschaftlicher Sicht , habe ihm Kraft gegeben.
Dieses objektivierende Beobachten schafft ebenfalls den Abstand, den die Seele braucht, um nicht zugrunde zu gehen. Wie lange aber der Mensch das durchhält, wer weiß es schon.
Sonnenaufgang-Jan-2
Ein Sonnenaufgang von heute zum Trost

Samstag, 23. Januar 2010

Allerlei Parameter

Innere Werte:

1.Welche Seelengröße tragen Sie?
2.Wäre ein Leidensdruckmesser Ihnen hilfreich?
3.Wie ermitteln Sie Ihren maximalen Empörungsgrad?
4.Wie loten Sie ihre Gefühlstiefe aus
5.Würden Sie gern ein emotionales Rührwerk gebrauchen?
6.Wäre Ihnen ein seelischer Bewegungsmelder sinnvoll?

Donnerstag, 21. Januar 2010

Noch einmal: Schreibängste

Es ist schon so. Einmal, irgendwann einmal muss man sich zu dem bekennen, was man ist. Entweder man hat den Mut und packt seine Sachen aus oder sie bleiben für alle Zeiten im Beutel, Wandersack in der Tasche in den Hosentaschen wo auch immer man sie vergraben hat. Und wenn man sich bekennt, dann gibt es auch ein Urteil und wenn es ein Urteil gibt, dann kann es das Ende sein. Also verschiebt man das Auspacken und lässt die Sachen da wo sie sind.

Nur ab und an lässt man was sehen – soviel, dass es immer nur einen Eindruck gibt. Dass immer nur ein wenig zu sehen ist von dem, was man noch eine Weile für sich behält. So ist das eben.

Was ist der Preis dafür? Man erfährt nie was Genaues über sich. Man bleibt immer jemand, der vielleicht, aber auch nur vielleicht Hoffnungen weckt, und wenn jene, bei denen man die Hoffnungen geweckt haben, mehr wissen wollen, dann hält man sie hin, dann lässt man sie warten, dann bleibt man bei sich bis die Hoffnung geschwunden ist. Und weil das traurig macht, muss man neue Leute suchen, die man mit Fragmenten beeindrucken kann, bis auch sie das Ganze sehen wollen und das Pokern ein Ende hat. Dann kann man wieder gewinnen oder verlieren. Für immer Bescheid wissen, das ist etwas wie das Sterben. Wenn es ein Urteil gibt, dann ist man eigentlich tot, dann ist man erledigt.

Warum warum nur diese Furcht vor dem Urteil. Es kann doch auch heißen lebenslänglich begnadigt.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Lamento über das Schreiben

Sowohl meine frühere Arbeitsstelle als auch unsere Wohnung lagen so zentral, dass der Weg kurz war und ich auf vielen Wegen von Haus zu Haus gelangen konnte. Unterwegs - wenn ich an der Osloer Straße von der Straßenbahn in die U-Bahn wechselte, an der Schönhauser Allee auf die Straßenbahn wartete oder durch die Unterführungen am Alexanderplatz eilte, fiel mir Ingeborg Bachmanns Erzählung "Drei Wege zum See" ein.

Mit ihr trat für mich eine Erzählweise ins Leben, die wie ein Echo auf die Fragen anmutete, die auftauchten, wenn in mir der Wunsch, selbst zu schreiben zu einer Art von leidenschaftlicher Sehnsucht anwuchs. Ihre Erscheinung war in meinen Augen die personifizierte Warnung vor solchen riskanten Abenteuern. In allen Aufnahmen, die ihre öffentlichen Auftritte dokumentieren, sieht sie stets so aus, als ginge sie in den nächsten fünf Minuten zugrunde am Elend der Welt und der eigenen Schutzlosigkeit.

Die Filmaufnahme von Ingeborg Bachmanns Lesung des Gedichts: "Erklär mir, Liebe" mit gebrochener Stimme und der durch die Möglichkeit des Scheiterns erzeugten Spannung scheint mir wie eine Mahnung. Oft wurde ihr vorgeworfen, sie inszeniere das nur. Das trifft aber nicht die Wahrheit. Seit ich sie so lesen sah, weiß ich, dass dies untrennbarer Bestandteil ihrer Arbeiten ist.

Schreiben ist keine Kleinigkeit, die mit ein wenig Talent, ein wenig gutem Willen, ein wenig Fleiß und einem etwas größerem Ego zu bewältigen wäre, so scheint es mir. Es ist eine Selbstauslieferung. Und andauernd habe ich die Sorge, mein Inneres läge bloß, ich müsste jeden Tag neue Schutzwälle aufbauen, entschlösse ich mich, wirklich zu schreiben. Ist Leiden der Preis dafür dass Schreibende das Leben mit der Kunst betrügen? Ich weiß nur, dass es mehr Menschen gibt, die vorgeben an der Kunst zu leiden, als solche, die wirklich Kunst zustande bringen. Und meine Furcht vor Schreiben, die Furcht vor dem Erfinden und Finden von Abgründen, die ich vielleicht gar nicht finden will, begleitet mich schon mein ganzes Leben.

Etwas aus meinem Leben aufzuschreiben, damit es nicht der Vergessenheit anheim fällt, das kann ich ganz ordentlich. Tatsachen kolportieren, Bericht erstatten, das habe ich gelernt. Aber ich habe nie gewagt, allzu weit von dem abzuweichen, was das wirkliche Leben vorgibt.

Die Illusion der Realität, der „ganzen Wahrheit“ ist eine verlässliche Stütze und verdeckt, was ich eigentlich sagen will. Was ich eigentlich sagen will aber verschwindet jedes Mal, wenn ich am Anfang einer Seite sitze. So kann ich nicht von dem Gedanken lassen, dass wirkliches Schreiben etwas von einer Opferhandlung hat und mit der Bereitschaft , sich auszusetzen. Man muss bezahlen, wenn man etwas schaffen will. Ich werfe mir vor, dass ich dieses Opfer nicht bringen will.

Vielleicht ist alles auch ganz anders - vielleicht bringen andere, die schreiben wollen, dieses Opfer voll Eifer und Freude, weil es für sie nur eines von vielen Hindernissen ist, das sie auf dem Weg zum eigenen unbeirrbar verfolgten Ziel überwinden müssen. Vielleicht machen sie daraus auch einen Bestandteil ihrer Kreativität wie die mir so eingeprägte Bachmann. Ich weiß es nicht, aber ich denke schriftlich lieber darüber nach, als vor einem leeren Bogen zu sitzen. Täte ich das nicht, müsste ich ja anfangen wirklich zu schreiben.

Montag, 18. Januar 2010

Wahnsinn

Vor vielen Jahren - es war wohl nach der Jubeldemonstration zum Geburtstag unserer sozialistischen Republik - verließ ich nach absolvierter Teilnahme an der Station "Schönhauser Allee" die S-Bahn und stieg zur Eingangshalle hinauf. Dort stand ein älterer Mann, ein bisschen verkommen, ein bisschen versoffen. Der rief den Leuten, die an ihm vorbei hasteten entgegen: "Ihr werdet so verarscht, ihr alle, warum lasst Ihr Euch das gefallen, das ist doch alles Scheiße hier". Und die Leute gingen vorbei, peinlich berührt. Auch ich passierte ihn wortlos.

Vor mir sagte ein Mann zu seiner Begleiterin: "Ach, ein Verrückter" hoffentlich kassieren sie den nicht ein. Der kriegt bloß Ärger.“
Und ich dachte: " Ich dachte: Er ist unglücklich, er ist krank, er hat in allem Recht. Es ist ein Wahnsinn.

Die DDR ging vorbei - ein Wahnsinn – und es wurde viel geschrieen.

Ich sehe sie öfter, wenn ich in die "Schönhauser Arcaden" einkaufen gehe. Sie sieht aus wie ein Model, sehr schlank mit einem ungeschminkten blassen Gesicht, das einen Visagisten aber sicher inspirierten könnte.
Ich denke, sie ist so Anfang der Dreißig, die aschblonden Haare hat sie meist hochgesteckt. Sie ist unauffällig aber originell gekleidet, eine Leinenhose mit einem TShirt. Manchmal hat sie ein Mützchen auf und einen Leinenbeutel über der Schulter.
Kürzlich betrat sie mit Riesenschritten die "Arcaden" und schrie den Leuten ihre Empörung uns Gesicht - eine Empörung, die man immer nur teilweise erahnen kann.
Auschwitz kommt vor, Palästina, Kaffeepreise. Immer wenn sie ihre Empörung ausspeit, sucht sie mit Blicken nach Leuten, die ihren Blick erwidern. Meist an der kleinen Kaffeebar, wo die Gäste an den Tischen sitzen bleibt sie stehen und schreit in die erstaunt aufblickenden Gesichter hinein.

Irgendwann geht sie weiter meist in den Supermarkt und dort hört man noch ihre Beschimpfungen. Auch wenn nicht Wort für Wort zu verstehen ist, sind es geschrienen Anklagen gegen die Welt, wie sie ist und vor allem gegen die Gleichgültigkeit der Menschen, die sie abwehrend oder belustigt anblicken.
Einige Tage zuvor war sie mir auf der Straße entgegengekommen auch schreiend, da kam merkwürdigerweise das Wort "Lafayette" vor und sie suchte wie immer den Blick der ihr Entgegenkommenden. Mich sah sie auch an, aber ich blickte nicht weg, sondern interessiert in ihr Gesicht. Das wollte sie nicht, das war keine Chance für eine direkte Konfrontation. Also ging sie weiter.
Ich dachte: Sie ist unglücklich, sie ist krank, sie hat in allem Recht. Es ist ein Wahnsinn.

SPENDENGALA

Mir sind Spendengalas, überhaupt die Zurschaustellung unendlicher Wohltätigkeit , schon immer mehr als verdächtig .Manchmal sind sie sicherlich ganz nützlich. Die Aidsstiftung, die Obdachlosenhilfe, Kinderdörfer, Selbsthilfeinitiativen - sie alle profitieren von Spendengalas und da kommt mir der Rahmen auch halbwegs akzeptabel vor.

Aber jetzt stockt bei mir die innere Bereitschaft zur Toleranz gegenüber diesem Gala-Treiben: Dieses Erdbeben in Haiti ist so apokalyptisch, dass ich eine Spendengala – noch dazu von diesem unsäglichen Thomas Gottschalk moderiert – nur als Obszönität verstehen kann.
Mir kommt die Spendengala vor wie eine andere Seite der Apokalypse.

Ich sehe die Promis lächelnd über den Teppich rauschen – der zu ihren Füßen noch nicht bebt - wie schön. Ich sehe sie den Darbietungen lauschen und höre, wie der Saal vom Beifall bebt. Ich sehe sie bebend vor Geilheit, von der Kamera erwischt zu werden.
Und denke mir: Alles, was da zusammenkommt, käme auch zusammen, wenn irgendwo anders kein Krieg wäre, der zu finanzieren ist.

Es ist mir übel bis unbehaglich, dieses mitmenschliche Getue nach dem Motto: Mag anderswo die Erde beben, wir lassen unsere Promis leben.

Abschließende Predigt: Seid dankbar, Ihr Eitlen, dass sich die Erde nicht wirklich mal auftut – eines Tages - unter der Wucht der Ungerechtigkeit, der einseitigen Belastungen und ungleichen Chancen. Sie könnte kippen die Welt und Abgründe könnten sich auftun. Und dann hilft keine Gala mehr, sondern nur noch die Galeere für die Ungerechten.
Amen, Halleluja.

THERAPEUTISCHE BÜCHER

(Wish I could find a good book to live in)

Im Dezember1988 notiert der Schriftsteller und Dichter Peter Rühmkorf (1929-2008)
in sein Tagebuch TABU I: „Das Gefühl, dass etwas zu Ende geht, Zur Hälfte bereits abgestorbenes Zeug, das man mit sich herumschleppt. Erledigte Stoffe. Hadesgepäck. Und kein tröstliches Buch, in dem man rückstandlos verschwinden kann.“.

Wer kennt solche Gefühle nicht, wer hebt nicht manchmal irritiert die Augen von einem Buch, weil es ihn soeben entlassen hat aus seiner Welt in die eigene wie sie ist.

Oder, wer bekommt nicht Sehnsucht nach diesem Buch - und möchte wieder hineinflüchten, weil es so gut getan hat, drin zu verschwinden und zu lesen. Es hat weniger mit dem Bedürfnis nach Weltflucht, sondern – bei mir ist es so – mit dem Trost zu tun, den man daraus schöpft, dass es den Romanhelden ähnlich geht, wie einem selbst. Viele Leser wollen von Büchern nichts als entführt werden, ich nicht. Ich will erinnert werden, wie das wirkliche Leben ist und manchmal daran, dass es nicht so schlimm ist, nicht die Katastrophe, die ich befürchte.
Bücher mit einer therapeutische Wirkung nenne ich solche Lektüre. Manchmal nur für eine bestimmte Zeit, manchmal auch für immer.

Solche Sachen werde ich in einer kleinen Reihe vorstellen.

TAGEBUCH DER ARMUT

Warum lese ich immer wieder ein Buch, in dem eine Frau aus den Favelas von Sao Paulo schildert, wie sie täglich gegen den Hunger kämpft, durch die Straßen von Sao Paulo mit ihrem Müllsack eilt und Abfall sammelt?
Das Buch, in dem davon die Rede ist, heißt „Tagebuch der Armut“ und stammt von der schwarzen Brasilianerin Carolina Maria de Jesus.
Erschienen ist es schon zu DDR-Zeiten in der Reihe Documente des Reclam Verlags. Es ist ein authentischer Bericht, denn es hat sie gegeben, diese Carolina Maria de Jesus. Sie lebte mit ihren zwei Kindern, Vera und Joao, in einer neun Quadratmeter großen Bretterbude.

Ende der fünfziger Jahre begann sie jenes Tagebuch, in dem sie berichtet, wie sie leere Flaschen sammelt und verkauft, wie viel sie dabei verdienen konnte für den Tag und wie sie versucht, ein bisschen Fleisch am Kühlhaus zu ergattern, bevor es mit Lauge übergossen wird, wie sie zur Wasserstelle geht und sich mit den Frauen unterhält und streitet, wie sie ihre Kinder vor den Schlägen ungeduldiger Nachbarn schützt, wie sie ihrer Tochter neue Schuhe schenken kann, weil sie auf einen mildtätigen und an ihr sexuell interessierten Menschen trifft und wie sie jeden Abend hofft, der nächste Tag würde besser. Und wie sie erlebt, dass der Hunger alles in gelbe Farbe taucht. Der Hunger, der überall ist und der sie jeden Tag aus den Gesichtern ihrer Kinder anblickt.

Nein, ich lese das nicht, weil ich mich dann befriedigt zurücklehnen und mir sagen kann, wir sollten doch zufrieden sein, weil es einem ja doch gut geht, wie es neoliberale Moralisten empfehlen. Ich lese es, weil es eine Sprache ist, die einfach und doch tief zu Herzen gehend ein Leben schildert, das menschenunwürdig ist und in dem sich trotzdem seine Würde zu bewahren eine tägliche, übermenschliche Anstrengung bedeutet.

Ich verfolge dieses Leben auch deshalb weil ich Tagebücher liebe, die den Alltag beschreiben. Und der Alltag hat viele Gesichter überall auf der Welt.
Deshalb ist dieser alte Reclam Band schon ein bisschen zerlesen. Ich schlage ihn auf, so als besuchte ich diese Carolina mal wieder und fragte, wie es ihr geht.

Es ist kaum noch möglich, in Worten, die nicht verschlissen und abgegriffen sind, das Elend zu benennen . Alles ist schon gesagt und darum lese ich – statt nach neuen unverbrauchten Worten zu fahnden - lieber nach, was schon niedergeschrieben ist, unverstellt und ohne Pathos. Aus Anteilnahme. Die Empörung stellt sich ohnehin ein, wenn man sich vor Augen hält, dass sich das Leben in den Favelas von Sao Paulo nicht geändert hat, eher ist es noch brutaler geworden.

Eines Tages trifft Carolina Maria de Jesus auf den Reporter Audalio Dantas und der schildert in einer Reportage ihr schweres Leben. Sie wird bekannt und erlebt voll Genugtuung, dass es sich gelohnt hat, das Buch führen über ihren täglichen Überlebenskampf. Das Tagebuch endet am 1. Januar 1960 mit den Worten: „Ich stand um 5 Uhr auf und ging Wasser schleppen“. Ich fragte mich oft, was aus ihr geworden sein mag, denn immerhin deutete sich indem Buch eine Wende an.

Fortsetzung: „Das Haus aus Stein“

Erst vor einiger Zeit habe ich erfahren, dass dieses Buch eine Fortsetzung hat, und die ist nur bedingt ermutigend. Nicht nur Audalio Dantas Reportage wird ein Erfolg, sondern auch das gesamte Tagebuch wird gedruckt und weltweit ein Erfolg.

Dieser plötzliche Reichtum ist anfangs ein Segen für Carolina. Sie zieht in ein neues, das steinerne Haus, in eine neue Umgebung, in der sie sich aber fremd fühlt. Sie gibt ihr Geld mit vollen Händen aus, gibt auch vielen Armen und Notleidenden davon ab, lässt sich auf finanzielle Abenteuer und auch allerlei bizarre Medienauftritte ein. Irgendwann verarmt sie wieder und stirbt erneut in einer Hütte. Sie hat es nicht geschafft, sie war zu unerfahren mit dem Leben außerhalb ihres Umfeldes, sie hatte schlechte Berater und fiel den üblichen Geschäftemachern zum Opfer. Auch der Reporter Audalio Dantas konnte sie nicht davor bewahren .
Aber die Kinder Vera und Joao leben inzwischen in anderen Verhältnissen. Sie haben einen Beruf gelernt und Vera hat einen Facharbeiter geheiratet und lebt außerhalb der Favelas.
Traurig hat mich diese Wiederbegegnung trotzdem gestimmt. Das Leben ist keine Happy end Geschichte.
Dennoch lese ich das „Tagebuch“ immer mal wieder nach. Denn nach wie vor sind es wenige, die es aus der Favela in ein Haus aus Stein schaffen.

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Zuletzt aktualisiert: 12. Apr, 12:18

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