Freitag, 15. Januar 2010

Das Wort zum Tage - Das Gute im Menschen

Wenn ich morgens vor halb sieben wach bin, dann stecke ich mir den Knopf ins Ohr und höre Deutschlandradio Kultur mit guten aktuellen Reportagen, Berichten, manchmal einem stockkonservativen politischen Feuilleton.

Christliche Wegweisung liefert ein „Wort zum Tage“, bei dem sich die evangelischen mit den katholischen Wortlieferanten abwechseln..
Mal geht’s an und wird sofort wieder vergessen, mal ist es nichts als SMS-Kummerkastenprosa gewissermaßen McChrist, mal ist es schlicht und ergreifend hochfahrend, im wahrsten Sinne des Wortes. Nur leider nicht im Niveau, sondern in der Anmaßung.

Heute sprach Pfarrer Wolf Fröhling, der u.a. ein Gespräch schildert, das der Lobetaler Pfarrer Uwe Holmer mit seinem im Kirchenasyl befindlichen Gast Erich Honecker führte. Dabei sei es auch um das Scheitern des Sozialismus gegangen.
Er sei am Menschen gescheitert, der Sozialismus, habe der Pfarrer Holmer dem Erich Honecker erklärt. Denn; Der Mensch sei eben nicht gut, sondern ein Egoist und ein Sünder, kolportiert der wackere Gottesmann das Gespräch.
Nebenher wischt Fröhling – übrigens im geschriebenen Predigttext nicht enthalten -den Spruch, man solle an das Gute im Menschen glauben, souverän beiseite. Das hält er für billigen Trost, der Gottesmann.
Irgendwie klingt das so, als hätten nur Gott und sein irdisches Personal das Recht, den Menschen zu begnadigen gewissermaßen, normale Gotteskinder selbst nicht.

Tja, wenn das so ist, dann war dieses tolldumme Predigtstück die Innenseite der Jacke, die sich andauernd die Apologeten des Kapitalismus anziehen. Gier und Egoismus gibt’s nun mal und sie haben die Welt vorangebracht. Und ist nicht das Anhäufen von messbaren Reichtümern, die Vermehrung des eigenen Hab und Gutes gottgefällig und folgerichtig und sichert einen Platz im Himmel? Wo habe ich das bloß gelesen. Ach bei Max Weber. Na, zugegeben, ich vereinfache. Muss man manchmal. Amen.

Ein früher Morgenvogel, glaubt, er fängt den armseligen Erdenwurm, wenn er so herumpriestert und herrschaftskompatible Argumente liefert. Der Kapitalismus ist das viel menschlichere Konzept, denn es appelliert nicht an das Gute, das ja ohnehin gar nicht vorhanden ist. Der Rest muss beten lernen, wenn die Not es sie nicht ohnehin lehrt.

Der schlaue kabarettistische Kirchenmann, der sich durch und durch als Künstler begreift, wie ich inzwischen nachlesen durfte, liefert ohnehin schon die ganze Woche Wegweisungen zur Politik statt die Menschen zu trösten. Die informiert er andauernd nur über ihre Kleinheit und ihre Schwächen, mit denen sie sich arrangieren sollten.

"Ich bin ein rechtes Rabenaas,
Ein wahrer Sündenkrüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie der Rost den Zwippel."

Kann man in den Buddenbrooks nachlesen.

http://www.tv-ev.de/kirche_im_radio_bundesweit_1346.html

Meine Güte, nach solchen Belernungen hatte ich heute morgen eigentlich überhaupt keine Lust mehr aufzustehen: Wenn mein Mann nicht immer käme und zwar mit seinem eigenen Morgengebet: „Meine Liebe, ich habe uns einen schönen Kaffee gemacht, steh’ auf“. An Tagen. wo es ein Wort mehr braucht, sagt er auch manchmal: „Komm, fasse Mut“, eine bessere Wegweisung gibt’s nicht. Und dann denke ich immer: Doch es gibt gute Menschen.
Und erhebe mich im besten Sinne aus der Kleinheit dieser Predigttexte in Richtung Sanitärtrakt. Waschen tut auch da ganz gut

Mittwoch, 16. Dezember 2009

TU T'EN VAS – FÜR ALLERLEI FREUNDE UND FREUNDINNEN

(„Dein Herz hat anderswo zu tun“ – Ingeborg Bachmann)

Abschiede sind immer traurig, ob wirklich oder unwirkliche. Beides tut weh
Das triviale Bild vom Leben, das ein Karussell ist, und sich dreht und plötzlich sind die anderen Fahrgäste ausgestiegen und man selbst blickt ratlos in die Runde und bleibt allein zurück – es geht mir durch den Sinn und trübt mir die Stimmung.

Sie wird aufs Land ziehen, meine junge Freundin Und ich bin überrascht über die Größe meines Kummers. Noch ist sie ja da, aber wenn wir uns treffen, spüre ich, dass sie den Kopf fast abgewandt hat, sich schon wegdreht aus meinem Leben, zu etwas Neuem will und ich sie sehr vermissen werde.
Seltsam, wir sehen uns manchmal wochenlang nicht, haben auch schon Monate ins Land gehen lassen, aber ich wusste, sie ist da, ich kann hin und wieder nach ihr sehen in dem Buchladen, in dem sie arbeitet. Oft habe ich es sogar dabei belassen und sie gar nicht angesprochen, manchmal hat sie mich gesehen und wir haben ein bisschen geredet oder gleich beschlossen, dass wir uns treffen müssen.

Wenn wir uns im „Olivenbaum“ verabredet haben, dann habe ich vorher innerlich repetiert, was ich ihr gern erzählen möchte, damit ich nichts vergesse. Wir saßen beim Rotwein und haben geredet und geredet und auf dem Heimweg haben wir uns noch mal per SMS bestätigt, was das wieder für ein schöner Abend war und wie wir alles so gut besprochen haben. Sie hört so intensiv zu und ich muss bei ihr manchmal erst nachfragen. Hoffen kann ich nur, dass ich sie trösten konnte bei dem was bedrückend war, so wie sie mich getröstet hat.
Nach solchen Abenden holte mich mein Mann oft an der Straßenbahn ab und ich freute mich, wie gut ich es habe, gerade verabschiedet von einer guten Freundin, empfangen von einem vertrauten und fürsorglichen Partner.


Wir sind so verschieden. Sie – in den Vierzigern - immer in Bewegung immer auf der Suche, sieht so fragil aus und ist so tatkräftig. Nie würde sie wie ich stundenlang an einem Computer ausharren. Sie muss immer alles ändern, immer wieder neu gruppieren, immer alles umwerfen. In der Stadt ist sie ständig umgezogen. Ich fand das schrecklich und beeindruckend, diese Lust, immer wieder neu anzufangen, ein Durcheinander zu ertragen, das mich verrückt gemacht hätte.

Bewundert hat sie für mich oft für meinen Humor, für mein Zugehen auf Menschen, für mein Grundvertrauen in alle, die mir begegnen, für meine Bereitschaft zu riskieren, das etwas schief gehen kann, wenn man ein Spiel spielt, das man nicht wollte.
Dafür bin ich – die sich mit Worten doch so gut verteidigen kann - völlig hilflos am Steuer eines Autos, werde panisch bei jeder Änderung der Route, während sie gelassen fährt und andere Autos warten lässt, während sie geruhsam wendet.

Wenn man Glück hat, beschenken einen die Jahre mit neuen Empfindungen und Einsichten. Aber dieser Tage plagt mich das Herz mit Sehnsüchten, die wie ein „Flash back“ daherkommen, an bittere Abschiede aus alten Zeiten erinnern.
Noch einmal wünscht man sich tiefe Gefühle, noch einmal möchte man spüren, was intensives Leben heißt in einem Alltag, der sich verflacht und in Rituale aufgeteilt ist, die wiederholt und wiederholt werden.

Und jetzt weiß ich so im Abschied, dass meine Gefühle tiefer sind, als ich dachte, wenn wir unsere Zärtlichkeit füreinander zeigten. Schon lange weiß ich, nicht erst mit den Jahren, dass es eine Erotik des Gesprächs gibt und dass ich ohnehin erotisch nicht festliege
Ich liebe die leichten Berührungen, denn sie gehen mir mehr unter die Haut als Umarmungen, die einen in eine Form pressen wollen, die man nicht ist. Eine Fingerspitze ist mir erotischer als eine ganze vereinnahmende Hand.
Warum schreibe ich das? Weil auch diese leichten Berührungen mir bald nicht mehr zuteil werden. Die kleinen, schnellen Umarmungen, die Begegnung mit einer weichen Wange. Immer gab es die gute Balance aus Nähe und Abstand, die uns beiden so gut tut.

Manchmal ist das Leben hart und es gehen viele. Eine Freundin will mir nicht mehr wohl, eine andere entfernt sich in die Landschaft der Lausitz und einer, den ich nie gesehen habe, verschwindet in die Vergesslichkeit des Internets.

„Dein Herz hat anderswo zu tun“, heißt es in Ingeborg Bachmanns „Erklär mir, Liebe“. - So geht es in diesen Tagen mit „Lieben“, die mir für eine Weile freundlich und tröstlich den Blick zu jener grauen Nebelwand verstellten, hinter der das Alter wartet.

Sonntag, 27. September 2009

Nach der Wahl

Ich frage mich, ob es auch bei früheren Wahlsendungen Sitte war, dass ein BDI-Chef mit in einer Interviewrunden stand. Dass die Gewerkschaft dabei war, sollte ein Zeicihen der Ausgewogenheit sein. Aber es klingt schon merkwürdig, wenn ein Wirtschaftsvertreter schon mal seine Mitsprache - die es ja ohnehin gibt - so offen Mitsprache und Enfluss anmeldet.

Die Macht verlagert sich - noch deutlicher und wenig kaschiert - in Richtung der mächtigen Lobbygruppen. Der hohe Wahlsieg der FDP schafft neue Kanäle dafür. Jetzt hängt Merkels Glaubwürdigkeit für mich davon ab, ob es ihr gelingt, diese Einflüsse einzuhegen . Das Stichwort dafür ist heute abend in den Medien der Kündigungsschutz.

Ansonsten weiß ich nicht, ob eine Große Koalition besser gewesen wäre. Ich persönlich finde, dass - wenn es ums Messer wetzen geht -ein Franz Münterfering mit seinen bieder-heuchlerische Statements und den Intrigen mal voll reinlaufen könnte. Er kann ruhig auch Mist - die Opposition ist ja selbiger - forkeln den er selbst mit zu verantworten hat.

Samstag, 26. September 2009

Alles ein Abwasch I - Die Uckermark

Wieso widerfährt einem Landstrich soviel Unrecht, fragten wir uns heute am Trog.
Wenn ich meinen Mann zum Beispiel über jenen Landstrich befrage, dann fällt mir auf, dass seine Augen vom Grauen ins Grüne changieren. Das hat damit zu tun, dass er immer sehr lange ausholt mit seinen Erinnerungen und ich Zeit habe , diesen Farbwechsel zu verfolgen. Voran kommt man so aber nicht mit den Kaffeetassen.
Grün und Grau passt gut zu Uckermark, diesem Landstrich mit wortkargen Leuten. In Casekow, nicht weit von Schwedt, hat P. einige Zeit seiner Kindheit verbracht. Bei Großeltern, die sich dort in eine einfache Kate aus Berlin zurückgezogen hatten. Vor Bomben geschützt sein sollte er und - in der Nachkriegszeit - nicht hungern müssen. Auf dem Lande konnte man schon immer besser überleben. Kein elektrisches Licht, Aufstehen und ins Bett mit den Hühnern. Im Sommer im Kornfeld liegen und in den Himmel gucken. Bei beißendem Froststurm mit dem Großvater über das Feld stolpern und denken, man erfriert doch noch auf halber Strecke.

Der Großvater, ein Riese, der mit dem Daumennagel die Schrauben eindrehte, der eines Tages sagte, er nehme keinen Nachschlag mehr und im Nebenzimmer dann für immer still und stumm im Sessel saß Die kleine gottesfürchtige, zierliche Großmutter, die die Küken in der Küche fütterte, indem sie etwas Brot im Mund zerkleinerte und das dann den Schnäbeln hinhielt. Ich lerne gerade, dass der Begriff „Stubenküken“ daher kommt.

Nicht weit von diesem Casekow lag das Vorwerk Biesendahlshof, ein Herrensitz, in dem sich - wie man sagt - Krupp von Bohlen-Halbach erholte. Nach dem Krieg beherbergten viele der ehemaligen Gutshäuser entweder den Dorfkonsum oder den Kindergarten. Wir waren mal dort - noch vor der Wende - in Casekow und haben uns das Haus angeguckt. Und P. meinte, es riecht auf den Feldern noch genau so wie früher. P. hatte dort – gemeinsam mit einigen Verwandten - Ackerland geerbt, nicht viel, aber zum ersten Mal habe ich, als wir das verkauft haben, gespürt, was der Landbesitz in den Menschen weckt. Nicht immer Gutes. Wir jedenfalls sind es los, das Stück.

Die Uckermark - ziemlich einsam. Man müsste mal wieder in die Gegend fahren. Ach, dann regt man sich so auf über diese Brandenburger Autofahrer.

Samstag, 23. Mai 2009

Alles umschreiben

Kennen Sie diese herrliche Episode bei Alfred Tetzlaff, genannt Ekel-Alfred? Wie der seinem Sozi-Schwiegersohn erklärt, dass Walter Ulbricht schon immer ein Agent des Geheimdienstes von Arnold Gehlen war. Schon immer war der das. Schon im Moskauer Hotel Lux hat der im Auftrag von Gehlen die anderen Genossen "hingehangen". Nee, dass es den BND damals noch gar nicht gab, das ist unwesentlich, immerhin war der Gehlen ja schon Geheimdienstler bei der Regierung davor. Wie hieß die gleich, die Regierung? Ach ja Adolf Hitler hieß die Regierung davor und bei der war Gehlen Pionier des Militärischen Nachrichtendienstes für die Überwachung der Feindbewegungen an der Ostfront. Passt doch prima. Neben der Ostfront hat er gleich die Exilgenossen-Ost mit überwacht. Und da war ihm Ulbricht schon hochwillkommen. Es sollte ja gegen die anderen Kommunisten gehen. So war das.

Ja, und danach, da hat er doch die Mauer aufgebaut, der Ulbricht im Auftrag von Gehlen, sagt Tetzlaff.
Das war schon sinnvoll, weil durch diesen Mauerbau wurden Unmengen an Beton verbaut, das hat die „DDR“ damals so geschwächt. Dadurch konnten sie nicht weiter an den Autobahnen bauen, wie sie es ja schon unter Hitler gemacht hatte. Alles muss man neu bedenken, alles.

Wie komme ich jetzt drauf: Ach ja, wegen dem Kurras, diesem Stasi-Kunstschützen. Was hat der für die Bundesrepublik getan? Er hat die 68er kreiert, schon im Jahre 1967. So vorausschauend war sie, die Stasi. Sonderbar, diese Schläue, eigentlich waren das doch immer doofe Genossen.
Vielleicht gehörte die Stasi damals auch schon dem Arnold Gehlen. Kann sein, kann alles sein. Die Historie ist nichts als ein großes Ersatzteillager. Daraus kann man sich alles zusammenbasteln oder –rühren oder auch was reinstampfen. Und außerdem, was Tetzlaff sagt, ist ein Wahnsinn, aber ist nicht die ganze Geschichte ein Wahnsinn.

Vor einigen Jahren gabs mal ein Plakat, auf dem ganz deutlich wurde, dass auch andere das so sehen. Da sah man schwer arbeitende Trümmerfrauen, wie sie kurz nach dem Kriege eben zu finden waren. Aber drunter stand – vorausschauend: Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“. Also war doch nicht Ulbricht der Bösewicht.
Sehn Sie, das ist die endgültige Wahrheit. Trümmerfrauen sind an allem schuld an allem. Die Geschichte muss neu geschrieben werden....

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