Donnerstag, 19. Oktober 2006

Hassemers Berlinschelte

Berlin ist sexy aber gar nicht so arm, so ein gut aufgelegter Verfassungsrichter Winfried Hassemer, heisst es in der Financial Times Deutschland zur Entscheidung, Berlin keine weiteren Finanzhilfen zu gewähren.

Das ist übel, nicht weil Sparappelle unbegründet wären, aber sie sind ein Hohn natürlich auch eine Ohrfeige für Klaus Wowereit. Und sicherlich auch für sein Projekt eines rot/roten Berliner Senats, das nun auch noch in die Verlängerung gehen soll. Wirklich abenteuerlich.
"Die Verfassungsrichter gaben der Berliner Politik auch ein paar Tipps für die Sanierung des maroden Haushaltes mit auf den Weg: Verkauf der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, Ausgabenkürzungen bei Wissenschaft und Kultur und die Anhebung der Gewerbesteuer.", steht da weiter.
Berlin wird sich kaputtsparen - eine Hauptstadt, die niemand wirklich will.
Ich bin gespannt, aber wenig optimistisch über die Schlussfolgerungen, die die Koalition aus diesem Desaster zieht. Wie auch immer - alle Berliner werden es zu spüren bekommen.

Sonntag, 8. Oktober 2006

Herbst vor dem Fenster

Herbst
Vom Fenster aus blicken wir in die sich langsam verfärbenden Bäume. Der Himmel verändert sich stündlich. Manchmal gibt es frappierende Kontraste, manchmal wieder ist alles versöhnend harmonisch.

Mittwoch, 4. Oktober 2006

Erhellender Link

http://www.taz.de/pt/2006/10/04/a0128.1/text

Das ist das Beste was ich zu der ganzen Debatte um Religion, Aufklärung, die Sinnkrise der Gegenwart und die Auseinandersetzung um den Idomeneo gelesen habe. Klasse.


Was mir in letzter Zeit immer ganz merkwürdig falschmünzerisch vorkam, war die päpstliche Behauptung, dass Religion, Vernunft und Aufklärung eine sinnreiche Gemeinschaft bildeten.
Das war völlig im Widerspruch zu meinen eigenen Erfahrungen in der Kindheit. :Da gab es ein Buch "Der endlose Chor", der das Schicksal von Heiligen, in dem in einigen der Legenden das Wüten der Aufklärung beklagt wurde.
Bei Greffrath habe ich - begründeter als meine eigenen Gefühle - das gleiche Unbehagen formuliert gefunden.

Mittwoch, 27. September 2006

Idomeneo und BILD

Gefährdungsanalysen

In Berlin wurde die Wiederaufnahme der Oper "Idomeneo" durch die Indentantin verhindert, weil das LKA eine Gefährdungsanalyse erstellt hat, die Angriffe nicht ganz ausschließt.

Grund dafür ist, dass in der Schlussszene die abgeschnittenen Köpfe der Religionsstifter Poseidon (als Vertreter der antiken Götterwelt) Jesus, Buddha und Mohammed präsentiert werden. Das gab schon bei der Premiere Proteste, allerdings mehr von der christlichen Seite.

Es war sicherlich übertrieben, die Oper abzusetzen. Die Gefährungsanalyse war zu ungenau.
Aber nach der Lektüre des "Merkur"-Beitrages von Gerhard Henschel über BILD: ("Von Tag zu Tag wird's schmutziger") und den Rezensionen über sein gerade erschienenes Buch: "Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung", stellt man erleichtert fest, dass es durchaus zutreffende Gefährdungsanalysen gibt. Erfreut konstatiert man: Du bist nicht allein mit dem Erstaunen darüber, dass eine Gesellschaft, die sich freiheitlich nennt, Unterdrückungen anderswo und in anderen Zeiten anprangert und eine neue Bürgerlichkeit anstrebt, sich von diesem Blatt kujonieren lässt.

Wenn es um BILD geht, hat man immer das Gefühl, die Leute rümpfen zwar die Nase, aber sie finden es uncool, sich über diese - sowohl für den gesunden Menschenverstand als auch für den Geschmack - unglaubliche Zumutung aufzuregen.

BILD erscheint mir manchmal schlimmer als die Stasi - zumindest bedienen die sich bei ihrer Jagd nach schlüpfrigen, widerlichem Unterhaltungsstoff der gleichen Methoden: Üble Nachrede, Erpressung, Rufmord. Die ekelerregende Kampagne gegen die junge Türkin Sibel Kekkili,die man nach ihrem Erfolg in "Gegen die Wand" mit ihrem Auftritt in Pornofilmen erpresste und danach versuchte, ihr ein Interview mit der Drohung, sonst ihre türkischen Eltern zu belästigen, erpressen, was dann auch geschah.
Selbstmorde sind bei diesem widerlichen Treiben hinnehmbare Kollateralschäden.
Es fehlt nur noch das Anlegen von Geruchskonserven, aber das ist offensichtlich beim Schnüffeln in fremden Betten und Unterhosen nicht nötig.

Der größte Skandal aber ist, dass sich Politiker in liebedienerischer Kriechhaltung diesem Medium nähern und glücklich sind, wenn sie dort veröffentlichen dürfen. (Gerhard Schröder sagte ja einprägsam, er regiere mit BILD, Bams und Glotze)

Ein Rezensent nennt den Umgang mit diesem Blatt eine Variante des Stockholm-Syndroms. Da es offensichtlich nicht möglich ist, sich wirksam gegen BILD zu wehren, macht man damit einen prekären Frieden, flüchtet in leichten, kurzzeitig erleichternden Spott. Skandalisierung scheint niemandem angebracht.

Also ich empfehle dringend die Lektüre des Beitrages von Gerhard Henschel und auch sein Buch werde ich mir bestellen.
Es wird wenig bewirken. Aber in Zeiten, da heiliger Zorn gegen eine Oper ernstgenommen und ihre Aufführung abgesetzt wird, sollte ein aufgeklärter Zorn gegen eine solches widerliches Produkt des Niederganges der Sitten ernstgenommen werden.
Man sollte die BILD-Zeitung absetzen. Auch wenn es eine Illusion ist, dies zu fordern.
Aber: Die Zeit ist reif für übersichtliche Utopien.

Gerhard Henschel: "Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung" Edition Tiamat, Berlin 2006.

Und ein Link: http://www.taz.de/pt/2005/12/10/a0268.1/text

Das Feuilleton und Idomeneo

Ach ist das herrlich, wenn sich das Feuilleton so balgt. Und man darf bei den meisten Diskursen dabei sein, denn das Internet verschafft einen Überblick.
Ich denke, die Printmedien fürchten das Internet nicht deshalb, weil es ihnen journalistisch Konkurrenz macht, sondern wegen der intellektuellen Preisvergleiche, die durch die gleichzeitige Lektüre möglich sind.

Und da kriegt man so eine Vision, wie sie alle auf dem Kreativklo sitzen und einem Skandal oder einem Skandälchen oder einem event noch etwas abpressen.

So ist das nun mal: Diese Branche lebt davon, dass man seinen Senf dazugibt, aber die Würste werden immer mickriger und die Senfhaufen immer umfangreicher.

Und wie immer, wenn eine Frau Mist gebaut hat, werden auch die Stimmen mancher Männer schriller.
Und die Frauen sind meist noch unbarmherziger als die Männer.

Freitag, 15. September 2006

Brandenburger "Sehnsucht"

Nachdem ich vor kurzem noch über die Brandenburger gelästert hatte, dann reumütig den hochgelobten Film „Sehnsucht“ angesehen.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein Mann um die dreissig – glücklich mit seiner Jugendliebe verheiratet - lernt bei einer Feuerwehrschulung eine Kellnerin kennen, verbringt eine Nacht mit ihr und verliebt sich ernsthaft. Aber er liebt auch seine Frau. Und damit kommt er nicht zurecht. Das ist zuviel für sein Leben in Ordnung und Regelmäßigkeit.
Durch einen Unfall erfährt seine Frau davon. Sie verlässt ihn. Er versucht, sich das Leben zu nehmen. Aber es geht schief. Er lebt weiter mit einer der beiden Frauen. Mit welcher erfährt man nicht. Am Ende sitzen einige Kinder auf dem Klettergerüst eines Spielplatzes. und erzählen sich das Ganze wie eine alte Legende. Es ist wie eine griechische Tragödie. Worte wie „Tod“, „Schicksal“, „Leidenschaft“ kommen vor und werden aber als Kinderfragen gestellt.
Überwiegend wurde mit Laiendarstellern gedreht. Aber sie hielten nicht einfach ihr Gesicht hin, sondern die Geschichte wurde mit ihnen zusammen erarbeitet. Am Anfang stand auch nicht der Stoff, sondern über 200 Interviews mit Leuten in Brandenburg über ihre „Sehnsüchte“. Dann kam eine wirkliche Geschichte, eigentlich in einem französischen Dorf passiert ist, dazu.

Also da ist eine Szene: Da tanzt der Held - ein Brandenburger Allerweltsgesicht - ein bisschen betrunken und allein nach Robbie Williams „Feel" und darin liegt alle Sehnsucht nach noch einer anderen Art von Liebe, als die, mit der die Familienkaffeemühle in Gang gesetzt wird. Und auch die anderen Liebeszenen sind von der Sorte, die nicht so viel Haut braucht.
Es ist schon so, die wirkliche Erotik ist über den Kleidern – gerade in diesen übernackten Zeiten - im Gesicht in einer Geste in einer Bewegung. Manchmal liegt sie auch in der Stimme. Hier allerdings nicht, denn es wird wenig geredet. Und wenn – z.B. in dem Teil, als die Ehefrau mitkriegt, dass ihr Mann nicht mehr der Alte ist – dann sind es die falschen, viel zu großen Worte. “Ich begehre Dich so sehr“... das ist zuviel und „stimmt“ darum dann auch wieder. In ihrer Unsicherheit, was sie mit dem ihr entfremdeten Mann anfangen soll, will auch sie die „großen Gefühle“ wecken.
Sehr beeindruckend, die Art, wie die Regisseurin mit diesen sperrigen Leuten umgegangen ist.

„Das Land Brandenburg überrascht mich immer wieder", hat Valeska Grisebach in einem Interview gesagt.
„Da gibt es zunächst diese Ruppigkeit. Doch wer sich mit den Menschen an einen Tisch setzt, erlebt die Offenheit dieser Menschen. Und einen unwahrscheinlichen Humor, spontan. manchmal ein bisschen verschroben“.
Na, das schien mir wie eine Antwort auf meine Brandenburg-Meckerei.

Aber als Liebeslied singen sie im Dorfchor „Dat du min Leevsten bist“. Das ist schon nördlicher.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 7942 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 12. Apr, 12:18

Suche

 

Aktuelle Beiträge

Die Strafe folgt spät
Gestern am 01.04. 10 (indes kein Aprilscherz!)musste...
malef - 2. Apr, 19:03
Das...
...kenn ich. Ganz genau so. Nur: "Wenn es ein Urteil...
rivka - 14. Mär, 16:59
Immer wieder ein Sonnenuntergan
Heute mal wieder ein schönes Bild von den Tatsachen...
Magda - 3. Feb, 19:44
Nächtliches Kunsterlebnis
Letzte Nacht konnte ich lange nicht einschlafen - weiß...
Magda - 3. Feb, 09:14
Jerome D. Salinger
Wenn ich mich recht erinnere, erschien Salingers „Fänger...
Magda - 28. Jan, 21:27