http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_19_03/beitrag_2.html
Ja, man soll journalistisch wagemutig sein, die Dinge mal ein bisschen hinterfragen, Themen „gegen den Strich“, bürsten, ungewohnte Aspekte einbeziehen. So etwas müssen sich die Autoren des Beitrages "Fragwürdige Hilfe – Lebensmittelspenden hemmen Eigeninitiative", der am gestrigen Donnerstag beim ARD-Magazin "Kontraste" lief, gedacht haben - wenn man gutwillig ist. Was dann aber ablief, war schwer zu ertragen:
So vernünftig es sein mag, über das "Tafelwesen" auch kritisch zu berichten, so absolut daneben ist es, wenn ein Vertreter des Instituts der deutschen Wirtschaft, ein Herr Dr. Dominik Enste, sich mit folgendem Statements in die Debatte einbringt:
„Wenn man sich daran gewöhnt, wenn das regelmäßige Leistungen sind, kann es eben dazu führen, dass man unselbständiger wird, dass man irgendwann gar nicht mehr selber in der Lage ist zu kochen, einzukaufen, und man kein Gefühl mehr hat für Preise in den Geschäften, ja einfach die Relationen nicht mehr im Blick hat und auch gar nicht mehr einschätzen kann, wie weit bin ich Almosenempfänger, inwieweit bin ich noch selbständig in der Lage mein Leben zu gestalten.“
und sich dann zu Aussagen aufschwingt wie:
„Kernproblem kann bei den Tafeln dadurch entstehen, dass Menschen längerfristig die Fähigkeit verlieren, für sich selber zu sorgen. Das heißt, dass sie fast wie bei einer Fütterung in der freien Wildbahn, man falsch erzogen wird, man selber nicht mehr in der Lage ist, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, also bildlich gesprochen jagen zu gehen und für sich selber zu sorgen, sondern immer stärker angewiesen wird auf diese Hilfe.“
Ich dachte - wie auch einige Kontraste-Blogger, die kein Blatt vor den Mund nahmen - das sei eine Satire-Sendung. War es aber nicht. Es war ein Beitrag, bei dem man den Verdacht nicht loswurde, dass das Teil mit Unterstützung der - man kennt sie ja schon - INSM ins Programm gehievt wurde. Denn auch in den Aspekten, die durchaus diskussionswürdig gewesen wären, war dieser Beitrag merkwürdig kurzatmig in den Argumenten. Eine alleinerziehende Mutter, die jetzt von ihrem Hartz IV-Geld wieder selbst kocht (und mit ihren eigenen Einkäufen natürlich die Wirtschaft ankurbelt) und ihre Zufriedenheit darüber sehr plakativ bekundet, einige Stimmen von Akteuren und Helfern in den Suppenküchen, die meinten, manche Hartz IV-Empfängern könnten nicht mit dem Geld umgehen und ähnliche Einlassungen erschreckten mit ihren Tendenzen zur Bevormundung und Kontrolle.
Es könnte ja in der Tat eine PR-Aktion des unter Umsatzeinbruch leidenden Einzelhandels sein, die sich hier den Fernsehzuschauern präsentierte.
Mir war nicht mehr nach Essen nach diesem Beitrag – eher nach dem Gegenteil.
In diesen Tagen findet in Istanbul das 5. Weltwasserforum statt. Seit Jahren warnen sowohl UNO-Organisationen, offizielle Vertreter der Staaten, als auch NGO’S vor einer weltweiten Wasserkrise. Und wie so oft hat sich die private Wirtschaft bereits in Position begeben,
"Easy water is over", erklärte Gerard Payen, der Präsident der Internationalen Vereinigung der privaten Wasserwirtschaft. Die Zeiten, in denen Wasser in ausreichendem Maße verfügbar war, sind vorbei.
Das war es schon vorher nicht. Schon immer war Wasser ein Instrument in der politischen Auseinandersetzung, eine kalkuliert eingesetzte Waffe.
In den besetzten Gebieten klagten die palästinensischen Bewohner, dass ihnen von den israelischen Siedlern das Wasser abgegraben wird, der Nahostkonflikt hat auch mit dem Kampf ums Wasser zu tun. Zwischen Staaten ist der Zugriff zu den Wasserressourcen immer wieder ein Konfliktthema.
Im Zusammenhang mit dem Weltwasserforum sprach Grünen-Politikerin, Uschi Eid, Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, einen besonders problematischen Aspekt an.: 2,6 Milliarden Menschen haben keine sanitäre Versorgung. Sie verwies im Zusammenhang damit auch darauf, dass besonders Frauen von diesem Mangel betroffen sind. Sie brauchen – viel mehr als Männer – die sichere Abgeschiedenheit und Wahrung der Intimität bei der Verrichtung elementarer menschlicher Bedürfnissen. Sie sind viel schneller von Krankheit und Infektionen bedroht, wenn die sanitären Bedingungen unhygienisch sind. Sie brauchen Körperhygiene dringend zur Erhaltung der Gesundheit.
Während ich diese Berichte las, kam mir - rein assoziativ – Roches „Feuchtgebiete“ in den Sinn. Man soll im Umgang mit solchen Werken nicht zu grundsätzlich und humorlos sein.
Trotzdem: Mir ist diese Lust am Unzivilisierten höchst suspekt, weil sich gerade unter den so ungerechten Bedingungen in der Welt darin ein ignoranter Zynismus manifestiert und die übliche westliche Egomanie.
Wenn man Berichte liest über Menschen, die irgendwo unter unhygienischen Bedingungen leben mussten – in Internierungslagern oder in der Kriegsgefangenschaft oder im KZ, dann waren für sie auch die hygienischen Bedingungen Mittel der Entwürdigung und kalkulierten Demütigung. Und das betraf ganz besonders die Frauen, die ständig durch die Biologie mit ihren Monatsrhythmen angreifbarer sind als Männer.
Im Internierungslager Gurs in Frankreich haben sie den Frauen verboten, sich ganz zu waschen. Nach ein paar Tagen haben sich die Frauen auch in Gegenwart der Wachtposten über dieses Verbot hinweggesetzt. So steht es im Bericht einer ehemaligen Lagerinsassin.
Dem Hygienewahn der Gegenwart eine Lust am Dreck, am stinkenden Exkrement und der übelriechenden Körperausscheidung entgegen zu halten das ist - in den Kalkülen der Gegenwart– finanziell erfolgreich, aber sonst einfach nur schwachsinnig. Meine Wertschätzung für Sophie Roche, die ja sonst ganz vernünftig zu sein scheint, ist auf Null gegangen.
Menschen sterben an Unsauberkeit überall in der Welt, millionenfach. Und vor allem – Frauen und Kinder.
Vielleicht ist Frau Roches Werk ja auch ein feinsinniger Protest gegen diesen Skandal. Wer weiß, wer weiß.
"Vor dem Tod habe ich nur ein bisschen Angst, viel mehr fürchte ich die Hamburger Radfahrer." So Nadja Tiller gegenüber der Presse. Sie hat ja so Recht, die tolle alte Dame, die heute ihren 80. Geburtstag feiert.
Ich fand die immer so damenhaft, so stilvoll und darum muss ich das hier mal - noch gar nicht richtig durchformuliert - loswerden.
Uwe Tellkamp "Der Turm" - eine Verschwörungstheorie
So also war das. Die DDR war ein kleines Land, so klein, dass sie in Dresden stattfinden konnte. Und zwar auf einem kleinen Hügel, den sie beschönigend Weißen Hirsch nannten. Aber dieser Weiße Hirsch war verschmutzt von Kohlenstaub und kontaminiert durch totalitären Zugriff auf alles, was sich dort abspielte. In dieser DDR also, auf dem Dresdner Hügel, wohnten auf der einen Seite die Gedrückten und Angepassten, aber Hochgebildeten und litten an ihrem ständigen Unbehagen an der Diktatur. Sie wohnten in sehr schlecht verwalteten Villen. Man setzte ihnen, den halbwegs Privilegierten, noch privilegiertere Untermieter - raumgreifende Funktionärssöhnchen - in den ohnehin knappen Wohnraum. Wollte man nicht abgehört werden, musste man eine Runde im Freien durch Westrom drehen. Westrom - so hieß diese Seite der bürgerlichen Untertanen. Das war Westrom. Auf der anderen Seite - in einer militärisch bewachten Sonderzone - wohnten die Herrschenden, die waren noch wesentlich privilegierter als die Weströmer. Parteifunktionäre, angepasste Literaten, Apparatschiks aller Art - schreckliche Menschen insgesamt, einer von ihnen ein Schöngeist, aber böser Tierquäler.
Das war Ostrom. (Nicht zu verwechseln mit O-Strom, das ist eine besondere Form von Stromversorgung, die ohne Strom stattfindet)
Die Einwohner Westroms also litten unter den Zumutungen, denen sie durch die Herrschenden aus Ostrom ausgesetzt waren. Die Bewohner waren alle bürgerlich, aber woher dieses Bürgertum gekommen war bleibt völlig im Dunklen. Vielleicht von den Vorfahren - von denen einer Kommunist war und einst sogar im Hotel Lux logierte oder dem Handwerker-Vorfahr, der eine Tradition der schlagenden Uhrwerke hinterließ. Bürgerlich kann man immer werden auch ohne entsprechende Vorfahren, aber nicht Besitzbürger. Das verhinderten die von sowjetischen Satrapen beschützten oströmischen Marionetten. Die Bildungsbürger flüchteten darob verstärkt in Bildung, Bildung, Bildung. Und natürlich - das Cellospiel. Es gab auch reale Türmversuche aus dem Musennest Dresden, aber die missglückten aus technischen Gründen.
So geht es zu im landauf landab belobigten Werk "Der Turm" des Dresdner Autors Uwe Tellkamp. Wenn man das gelesen hat, tun einem die Dresdner Leid. Denn diese ganze DDR-Diktatur kann ja nichts anderes gewesen sein als eine Art Verwandtenstreit zwischen Ost- und Weströmern auf dem Dresdner Turm. Die einen waren kleinbürgerliche Funktionäre, die anderen waren Bildungsbürger. Sowohl das Werk von Tellkamp, als auch jene unterdrückten Menschen, die er sich bemüht mit Leben zu erfüllen, der Arzt, der Geisteswissenschaftler, der Künstler, werden von manchen Rezensenten hymnisch gefeiert, weil sie - durchgängig ihr Unbehagen an der Diktatur formulieren und dies in Worten und Wendungen, die auch der Nichtdiktaturerfahrene halbwegs versteht.
Überhaupt - es ist höchste Zeit für solch einen definitiven Singsang, denn es häufen sich die Klagen, dass sich beim Wissen über das Wesen der Diktatur in der DDR ganz erschreckende Defizite ausmachen lassen. Darüber wissen Schülerinnen und Schüler im Westen wesentlich mehr, als die im Osten. Das hat eine Studie ergeben. Wobei ,eigentlich ist dabei nur herausgekommen, dass die Schüler in Bayern z. B. einfach das Richtige wissen, während die im Osten auf ihre Eltern hören, die natürlich durch die Realität verblendet sind und auch nicht immer den Lehrplan in der Schule auswendig kennen.
Die Krankheit „Ostalgie“ bekämpfen
Dies schrie förmlich nach Änderung. Man musste jemanden finden, der aus dem Osten kommt und dennoch einen Sinn dafür hat, was über den Osten gern gehört wird. Eine Art Ost-West- Antenne musste der haben. Dann musste er noch gut schreiben können oder zumindest wollen. Und als er dann sein Buch zu Ende geschrieben hatte, musste man dekretieren, dass man das unbedingt gelesen haben muss, ja, dass vor allem jene, die an einer Krankheit namens Ostalgie leiden, ohne dieses Buch als unheilbar gelten müssen. Um diesem Schicksal oder Verdikt zu entgehen, wäre es für verstockte Ostalgiker am besten, diese oder jene der hymnischen Rezensionen auswendig lernen: Zum Beispiel die eines gewissen Tilman Krause in der "Welt". Der - ein ganz Begeisterter - postuliert dass dies das Buch des Jahrzehnts ist. Der Autor habe "den ultimativen Roman über die DDR, diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden(geschrieben. Und zwar aus der Sicht derer, die nicht eine Sekunde daran zweifelten, dass sie dagegen waren. Das allein ist schon, nach all dem Wischiwaschi der Christa Wolfs, Volker Brauns, Christoph Heins und tutti quanti, eine nahezu erlösende Tat. So klar antikommunistisch, so voller schneidender Verachtung für das Proleten- und Kleinbürgertum, das 40 Jahre lang im Ostteil dieses Landes sein Gift verspritzen durfte, hat noch keiner, der aus diesen Breiten kommt, den Stab gebrochen." Aha, das ist die Botschaft und damit diese Botschaft auch sitzt, haben fast alle freundlichen Rezensenten die "Buddenbrooks" von Thomas Mann bemüht, um ordentlichen Glanz auf dieses Buch zu werfen. Mir aber scheint eine viel einleuchtendere Verbindung zu Thomas Mann über "Doktor Faustus" zu gehen. Weniger in der Form als in der Entstehungsgeschichte des Romans, die sich hier zu manifestieren scheint, könnte man etwas von der Versuchung des Dr. Faustus entdecken.
Dr. Fäustchen
Oder ist es doch mehr ein Dr. Fäustchen, in das sich ein Lektor gelacht hat, als er den Pakt mir Tellkamp schloss. Hat sich das Dresdner Bürgerkind zu einem Vertrag überreden lassen, mit dem Auftrag, den ultimativen Wenderoman zu schreiben, mit ganz sicherer Erfolgsgarantie durch das Rezensionsgewerbe? Hat der pfiffige Lektor eine Wunschliste abgeliefert, in der alle Reizworte, mit denen in den Zeiten nach der Wende die DDR charakterisiert wurde, verwendet und abgearbeitet werden: "Horch und Guck", die Jagd nach Delikatwaren, böse Schullehrer (die für Staatsbürgerkunde und Russisch), zynische Bonzen ,die Banane kommt auch vor - in vierzig Jahren DDR habe ich nicht soviel von der Banane reden hören, wie jetzt in den 20 Jahren danach. Allein das Unbehagen daran hat mich zu diesen Zeilen veranlasst. Ich weiß, ich verharmlose die Diktatur, aber die Tellkamp-Lektüre weckt solche Neigungen in mir.Es ist große Literatur schallt es landauf landab, aber ich finde, eine Ansammlung von Stilübungen ist noch kein Roman. Tellkamp will eine Fortsetzung vom "Turm" schreiben - das wird ein schöner Twintower.
Hannes Waders Aktualisierung von
„Trotz alledem“
Es scheint als ob das Kapital
In seiner Gier und alledem
wie eine Seuche sich total
unaufhaltsam trotz alledem
über unseren Planeten legt
überwältigt und beiseite fegt
was sich ihm nicht freiwillig
unterwerfen will trotz alledem
Gnadenlose und verhängnisvolle Verknüpfung zwischen Kapital und Freiheit - genau so war es - eine brutale Umdefinition. Viele haben es gesehen, beklagt, angeklagt und wurden als Spinner, als Populisten als Ewiggestrige und was sonst noch beschimpft oder in den Medien gar nicht ins Wort gelassen.
Schon gleich nach der Wende – schon 1990 - hat das Peter Rühmkorf sehr hellsichtig in seinem Tagebucheintrag in „Tabu I“ umrissen:
„Freiheit das große Passepartout für jederart Gruppenegoismen, Stammesfehden, kompromissunfähiges Selbstbestimmungswüten. Kenn das Ende vom Lied, das sich immer wieder für einen Anfang hält, noch von früher her auswendig- "Freiheit das Ziel,/Sieg das Panier/ Führer befiel - /Wir folgen Dir.“
Als ich das zum erstenmal las, meinte ich als frisch in die „Freiheit“ entlassene DDR-Bürgerin noch, dass diese Linken immer übertreiben müssen. Aber jetzt ..
Mir sehr einleuchtend mit dem unglaublichen Wüten der Neoliberalen, die den Freiheitsbegriff pervertiert haben.
Wollt Ihr die totale Freiheit – ist ähnlich gefährlich wie Repression, vor allem, wenn nur eine Seite die Macht hat, zu definieren, was Freiheit ist. .
Heute an anderer Stelle wird Horst Eberhard Richter beim Neujahrsempfang der Gewerkschaften zitiert: „Die Freiheit, hinter der sich Gier und Egoismus im Neoliberalismus verstecken, ist nicht die von der Französischen Revolution gemeinte Freiheit, die von Gleichheit und Brüderlichkeit (besser Geschwisterlichkeit) aufgefangen wird.“
Es ist befreiend, wenn dieser Freiheits-Verlogenheit endlich ein Ende gemacht wird, wenn der Begriff auf seine Ursprünge zurückgeführt wird.