Dienstag, 27. Dezember 2005

Die Dame mit der Mundharmonika

Dame-mit-Harmonika-2Dieses Bild habe ich zufällig wiedergefunden. Es stammt aus dem Sommer dieses Jahres. Die Dame spielt gern die Mundharmonika. Es heitere sie auf, erzählte sie auf Nachfrage. Wir haben sie dann gefragt, ob sie auch zum Gesang begleiten kann. Und dann haben wir zusammen gesungen. Seit 15 Jahren wohne sie in dem Heim erzählte sie, aber sie wirkte nicht so richtig „hospitalisiert“. Klagte ein bisschen übers Essen, aber sonst sei sie ganz zufrieden, sagte sie. Eine Eingebung, dass ich an diesem Tage meinen Fotoapparat dabei hatte.Wenn ich das Bild sehe, fühle ich mich getröstet, worüber auch immer.

Mittwoch, 21. Dezember 2005

Amalienpark


Eine Mischung aus Pfarrhaus und Kulturhaus, ein Nachbarschaftszentrum für die gebildete Dame oder so. An ganz exzellenter Stelle in Pankow und sehr edel.
Heute hatten sie eine Lesung mit Anekdoten über Thomas Mann „Er konnte ja sehr drollig sein“, in der letzten Woche gab es Literarisch-Kulinarisches über die Lustmahle von Giacomo Casanavo. Die Vortragende ist die Gattin eines Menschen, der früher im diplomatischen Dienst der DDR stand. Sehr elegant und kultiviert und sehr freundlich. Und – sie halten sich alle für ziemlich links, wobei auch dieser Begriff ein bisschen zur Disposition steht. Und wenn die Veranstaltungen zu Ende sind, dann schwatzt man noch ein wenig miteinander. Wir – die Besatzung des Kulturstützpunktes – haben reichlich Pralines und Blumen bekommen, so zum Jahresende.

Montag, 5. September 2005

Angela Merkel

Als ich vor vielen Jahren als kurzfristige Ausleihkraft zum Büro des Regierungssprechers kam, saß da auch eine junge Frau rum, die ziemlich blässlich war und einen Parka oder etwas ähnliches trug und im Fernsehen eine Debatte verfolgte.
Ich musste mich erst reinfinden und beschäftigte mich mit anderen Sachen etwas abseits. Sie aber sagte freundlich: „Na, setz Dich doch mit her“. Es gehörte u.a. zu meinen Aufgaben, Interview-Wünsche für den Ministerpräsidenten entgegenzunehmen, ein bisschen zu sortieren und dann Termine abzuklären, wenn er einverstanden war. Ich war heilfroh, dass mir die junge unauffällige Person immer gleich diese Gänge abnahm, den Ministerpräsidenten fragte und mir Bescheid gab, denn ich konnte dann effektiver arbeiten.

Die junge Frau war unglaublich fleißig und nach und nach hängte sie den Regierungssprecher ab, weil der außer einem gewinnenden Wesen wenig an Kompetenz besaß. Bald merkte ich aber auch, dass sie konkurrenzbewusst war und sich mit ihr immer dann Konflikte anbahnten, wenn sie Angst hatte wegen ihres Mangels an Erfahrung überfahren zu werden. Ich war schon länger in dem Beruf und darum fragte ich sie hin und wieder, was sie in dieser oder jener Sache tun wolle oder sagte, was ich tun würde. „Das müssen Sie mir nicht sagen“, antwortete sie meist etwas abweisend. Darum nahm ich mich zurück, es gab genug zu tun. Ihre Sekretärin meinte respektvoll, bei ihr sei zwar viel Kram auf dem Schreibtisch, aber sie verwalte ihr kleines Chaos trotzdem effektiv. Und man konnte sich auf sie verlassen. Mir unterlief in dieser Zeit ein äußerst peinlicher Fehler: Ich sah den damaligen Leiter der Treuhand, Reiner Maria Gohlke, auf dem Gang vor dem Zimmer von de Maiziere sitzen und erfuhr nebenher, dass er um seine Abberufung bitten wollte. In meinem Tran sagte ich das einem Journalisten am Telefon und in den nächsten Stunden war der Teufel los. Ausbügeln musste auch sie das, aber sie nahm es mir nicht krumm. Überhaupt war sie immer von höchst gleichmäßiger Temperiertheit. Ich fand sie – obwohl ich ganz anders gestrickt bin – nicht übel.

Am Nachmittag unserer Zusammenarbeit – die DDR gab es am nächsten Tag nicht mehr – saßen wir noch zusammen, rauchten eine Zigarette und sie gab eine Flasche Sekt aus. Sie blieb immer reserviert, immer abwartend. Wir sprachen darüber, was sie für die Zukunft plante. Sie überlegte laut, ob sie nicht doch wieder in die Physik zurücksollte, aber – Günter Krause, dessen Ziehkind sie damals war – riet ihr zu einem Bundestagsmandat. Und so ist es ja auch gekommen. Ich ging zu meiner Arbeit zurück. In deren Ausübung traf ich sie, als sie Frauenministerin war. Sehr unbehaglich fühlte sie sich in diesem Job, das konnte man ihr ansehen. Wir begrüßten uns freundlich, aber sie war schon auf einem anderen Stern. Wenn ich später erlebte, wie man sie auf Haarfrisur und Mimik versuchte zu reduzieren, fand ich zum ersten Mal, dass in diesem Land die Gehässigkeit ein permanentes Stilmittel ist. Was sie aber selbst wirklich politisch will - die Angela Merkel - und ob sie überhaupt politische Leidenschaften besitzt, das hat sich mir nicht erschlossen.

Als ich gestern die Debatte zwischen Merkel und Schröder verfolgte, dachte ich an diese Zeit zurück. So sehr hat sie sich auch wieder nicht geändert. Ihr liegt das politische Tagesgeschäft, aber sehr visionär kommt sie mir auch jetzt nicht vor. Vielleicht aber hat es auch mit den schwindenden Möglichkeiten der Politik überhaupt zu tun.
„In der Berufsforschung gibt es ein Theorem, das besagt, dass ein Beruf um so mehr an Reputation verliert .........je mehr Frauen darin beschäftigt sind“, schrieb kürzlich eine Journalistin.
Nimmt man diesen Gedanken für einen kurzen Augenblick ernst, dann müssten wir uns um das Ansehen des Kanzleramtes Sorgen machen: Denn die Nominierung von Angela Merkel als Kanzlerkandidatin könnte ein Indiz dafür sein, dass das politische Personal an der Spitze gleichgültig zu werden beginnt.“ Das wünsche ich ihr nun auch wieder nicht, der Angela Merkel.

Samstag, 23. April 2005

Kannibalenlogik

Schon der erste Prozess gegen den Kannibalen von Rotenburg war Anlass für allerschrägste Überlegungen und kreative Einfälle aller Art. Dieser Meiwes hatte argumentiert, sein Opfer sei einverstanden gewesen mit der Schlachtung. Ja, es habe geradezu darum gebeten. Und auch der Anwalt hatte betont, sein Mandant habe aus Mitleid getötet. Darum ging der gesamte Urteilstenor in Richtung „Tötung auf Verlangen“.
Wenn man das so schräg weiter denkt, dann wäre die Verweigerung der Schlachtung ja eigentlich eine unterlassene Hilfeleistung.
Wenn man das unangefochten von Skrupeln und Einwänden noch weiter denkt, dann tut sich hier ein prozesstaktisches Feld allerkreativster Art auf.
So könnte ein Mörder sagen, sein Opfer habe ihn so angesehen, dass er gar nicht anders konnte, als ihm das fällige Hinscheiden zu ermöglichen. Und wenn man ihm nachweist, dass das Opfer kregel und lebensfroh war, dann kann er behaupten, seine Antennen hätten ihm was anderes signalisiert und dennoch die ganze Untat als ein einziges Missverständnis darstellen. Möglichkeiten über Möglichkeiten.
Auf einer Internetseite zum medialen Echo des Prozesses wird die legendäre Schlagzeile von „BILD“ zitiert: Kannibale frass Berliner auf. Superklasse war dann noch: Kannibale ist wieder verliebt. Ein Kommentator fragte ironisch: Diesmal in ein Wiener Schnitzel? Herrlich.

Mittwoch, 16. März 2005

Ein Euro-Jobs

Was habe ich heute gemacht?
Ich war zusammen mit einer Dame, die mich in die neuen Aufgaben einführen soll, für eine ältere Dame einkaufen. Ich habe etwas erfahren über die schlimme Drogenkarriere eines etwas egozentrischen, aber nicht unsympathischen jungen Mannes, der lernen soll, etwas Nützliches zu tun. Dann haben wir diesen jungen Mann bei einer weiteren alten Dame abgeliefert, damit er mit ihr – die einen bypass hat, aber sonst ganz kregel ist – ein Stück an die frische Luft geht. Dann habe ich – das erste Mal seit über vierzig Jahren - zusammen mit drei sechsjährigen Jungen, zwei etwas älteren Mädchen, einer alten Dame von 70 und noch ein paar jungen Frauen zusammen, Luftmaschen gehäkelt. Eine herrliche Veranstaltung.

Ich bin in einem sozialen Stadtteilprojekt gelandet. Es gefällt mir ganz gut, weil es mitten im Leben ist und ich im Moment - obwohl das ein schlecht bezahlter Minijob ist – ganz dankbar bin, unter Menschen zu sein. Die Berliner Projekteszene ist ein Dorf und ich habe dort eine junge Frau getroffen, die mich von meinem früheren Projekt kannte. Diese soziokulturellen Zentren sind alle ein bisschen wie Pfarrhäuser. Dauernd klingelt es, alle kennen sich und immer mal wieder wird Kaffee oder Tee gekocht.
Interessante Leute kennen gelernt und außerdem fängt ja auch der Frühling an. Das ist doch auch was.

Und: als ich gestern von der Einführungsveranstaltung kam , traf ich die erste Frau meines Mannes und habe sie später besucht. Langer Tratsch. Ihre Tochter hat ein Weile bei dieser Einrichtungssendung „Einsatz in vier Wänden“ gearbeitet. Es sei alles sowieso Betrug, die arbeiten da nicht an einem Tag, sondern an mindestens dreien und diese Tine Wittler sei auch keine Expertin....na herrlich

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Zuletzt aktualisiert: 12. Apr, 12:18

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