Man soll im Umgang mit solchen Werken wie „Feuchtgebiete“ nicht zu grundsätzlich und humorlos sein. Trotzdem: Mir ist diese Lust am Unzivilisierten höchst suspekt. Es ist nicht befreiend, sondern eine Regression ins Kindliche, Dreckige, fast Barbarische.
Wenn man Berichte liest über Leute, die irgendwo unter unhygienischen Bedingungen leben mussten – in Internierungslagern oder in der Kriegsgefangenschaft oder im KZ, dann waren für sie auch die hygienischen Bedingungen Mittel der Entwürdigung und kalkulierten Demütigung. Im Internierungslager Gurs in Frankreich haben sie den Frauen verboten, sich ganz zu waschen. Nach ein paar Tagen haben sich die Frauen auch in Gegenwart der Wachtposten über dieses Verbot hinweggesetzt.
Dem Hygienewahn der Gegenwart eine Lust am Dreck, am stinkenden Exkrement und der übelriechenden Körperausscheidung entgegen zu halten und zwar völlig undifferenziert, das ist - in den Kalkülen der Gegenwart– finanziell erfolgreich, aber sonst einfach nur schwachsinnig. Meine Wertschätzung für Sophie Roche, die ja sonst ganz vernünftig zu sein scheint, ist auf Null gegangen.
Es gibt sicher eine sexuelle special interest group, die sich am Körpergestank aufgeilt, aber die anderen, die das Buch gekauft haben, sind dem Medienhype aufgesessen.
Und noch ganz praktisch gesprochen – Menschen sterben an Unsauberkeit überall in der Welt, millionenfach. Vielleicht ist Frau Roches Werk ja auch ein feinsinniger Protest gegen diesen Skandal. Wer weiß, wer weiß.
Das ist viele Jahr her, wir waren in der vormilitärischen Ausbildung in der Sächsischen Schweiz. Alle Studentinnen waren dort, die halbwegs o.k. waren.
Es war anstrengend, aber auch manchmal ganz lustig. Und wir haben viel Musik gemacht. Eine von den Studentinnen - man sagte, sie sei eine Nichte von Helene Weigel - hatte eine Wahnsinnsstimme. Die sang so Sachen wie "Dona dona" sehr schön. Sie trat später auch mit einer Band auf, die sich "Team 4" nannte. Noch später ging sie mit ihrem Freund, dem Dissidenten Thomas Brasch nach dem Westen.
Im Internet ist sie als Sanda Weigl zu finden. Offensichtlich war ihr der verwandtschaftliche Name zur großen Helene nicht so recht.
Ihre Wurzeln sind wohl auch eher rumänisch oder Gypsy.
Musik von ihr habe ich gefunden - sehr beeindruckend.
http://music.barnesandnoble.com/search/product.asp?ean=035828031523
Wenn man am Silvesterabend brav war, wird man mit einem schönen Morgenspaziergang belohnt. Gemütlicher Jahresausklang. Ein bisschen Wein, ein Gläschen Sekt.. Mir kam es so vor, als sei es überall ein bisschen ruhiger als sonst. Auch das Feuerwerk war nicht so toll wie im Jahr davor. Das ist aber auch eine Frage der Wetterlage. Da war ein so klarer Himmel, dass wir bis fast nach Potsdam gucken konnten. Ein grandioses Bild.
In diesem Jahr ist es trüber. Also Spaziergang durch die leeren Straßen unseres Viertels bis zum Pankower Anger. Dort aber war noch immer oder schon wieder Leben. Beim Türken hockten einige Gestrandete um den Tisch. Aus der Kneipe gegenüber kam ein junger Mann rausgestürzt – ein anderer hinterher: Streitgebrüll. Keine Ahnung, worum es ging.
Das ganze Kreuzungsgebiet bevölkert von Reinigungskräften, die aber nicht aussahen wie städtische Angestellte. Das sind Arbeitslose, die sie zu solchen Dienstleistungen heranziehen. Sie wirkten auch nicht sehr leistungsbetont, sondern zogen gemütlich mit ihren Stahlbesen und Transportkarren die Straße entlang und fegten die Reste der Silvesternacht zusammen. Zwischendurch blieben sie stehen und quatschten. Zwei ältere Männer – der eine mit einem Kopftuch wie einst Arafat, gewissermaßen Spätalternative – verständigten sich über ihren E-Mail-Verkehr. Ich ging weiter – noch immer das Streitgebrüll in den Ohren, aber doch schon besänftigt von den gemütlichen Arbeitsverpflichteten.
Was könnte ich mir für dieses Jahr vornehmen? Das Rauchen habe ich schon lange aufgegeben, womit man in diesen repressiven Antiraucherzeiten schon mal gut dran ist. Nicht immer gleich das Schlimmste befürchten – mehr Geduld. Na, mal sehen.
Schon immer ging es mir so. Wenn ich im Advent das Wiegenlied Abba Heitschi Bumbeitschi hörte, wurde mir nicht gemütlich, sondern unheimlich grauslig.
1. Aber heitschi bumbeitschi, schlaf lange,
es is ja dei Muatta ausgange,
sie is ja ausgange und kimmt nimma hoam
und lasst des kloa Büabale ganz alloan.
Aber heitschi bumbeitschi bumbum,
aber heitschi bumbeitschi bumbum.
Ein grausliger Text ist das zu einer gemütlichen Musik und darum verweilte ich nie allzu lange bei dieser Emotion.
Jetzt plötzlich auf einmal: Bei einem vorweihnachtlichen Konzert mit den üblichen erbaulichen Liedern trat auch der österreichische Chansonnier Michael Heltau auf. Und der nahm sich dieses Heitschi Bumbeitschi vor. Er sang es nicht, sondern deklamierte es so, dass einem der Schrecken, der dieses Lied umgibt, direkt unter die Jacke fuhr, so dass sich die Haare aufstellen.
2. Aber heitschi bumbeitschi, schlaf süaße,
die Engelein lassn di grüaßn!
Sie lassen di grüaßn und lassn di fragn,
ob du in' Himml spazieren willst fahrn.
Aber heitschi bumbeitschi bumbum,
aber heitschi bumbeitschi bumbum.
Aha, nicht nur die Mutter is „ausgange“ auch andere Mächte haben das langschlafende Kind schon im Visier und winken mit schönen Zerstreuungen, damit es sich zu seinem Nutzen von der Erde löst.
Gehüllt in dubiose vernebelnde Trauer, suchte ich Aufklärung. Wo findet man die heutzutage? Im Internet natürlich. Man muss nur Heitschi Bumbeitschi eingeben, dann wird einem zwar nicht komplette Aufklärung zuteil, aber man kann höchst lehrreich an den Bemühungen vieler Internetuser an der Gewinnung von Klarheit teilnehmen. Tröstlich ist, dass es viele Leute gibt, denen das Lied noch nie geheuer war. In einem Forum postete eine Teilnehmerin, dass ihre Tochter bei diesem Lied immer geschrie’n habe, dass sie das nicht hören wolle und sogar zu weinen begonnen hätte.
Woher kommt das Heitschi Bumbeitschi-Lied?
Es stamme wohl aus Südtirol sagen die einen und entwerfen ein Zeitgemälde über die damaligen Verhältnisse in einer Landschaft, deren Bewohner hart und rastlos für ihr tägliches Brot arbeiten mussten. Die Kindersterblichkeit war ebenso hoch, wie die der Mütter. Also sei das Lied durchaus realistisch für diese Zeit. Dass die Beziehung zu Kindern anders war, dass der Herrgott sie halt gab und nahm, dass viele das erste Lebensjahr nicht erlebten – das alles vermittelt dieser Singsang mit seinen dunklen Versen.
3. Aber heitschi bumbeitschi, in Himml,
da führt di a schneeweißer Schimml,
drauf sitzt a kloans Engerl mit oana Latern,
drein leuchtet vom Himml da allerschönst Stern.
Aber heitschi bumbeitschi bumbum,
aber heitschi bumbeitschi bumbum.
Ist das ein Trost? Und ist das Kind bereit, sich zu ergeben und der Mutter zu folgen, wenn es im Fieberwahn den lockenden Singsang hört? Das hatte damals seine Lebenslogik weil es ohne Mutter noch schwieriger war, ein Kind aufzuziehen. Da wars schon besser, es ging auch in den Himmel.
Abba der Heitschi Bumbeitschi – wer oder was ist das nun?
Die Frage bleibt im Raum. Die einen meinen, es sei ja nichts als ein lautmalerischer Singsang. Aber nein, meinen andere, ist hat zu tun mit der damaligen Türkengefahr. Immerhin könne man das „Heitschi“ in der Nähe von Hadschi ansiedeln, dem Namen eines Menschen, der an der Fahrt nach Mekka teilgenommen hat. Wie das Bumbeitschi zustande kommt, das könne mit einem gefährlichen türkischen General zu tun haben. Bekannt sei, dass auf dem Balkan christliche Knaben von Osmanischen Soldaten entführt und für den Sultanshof erzogen wurden, aus ihnen rekrutierten sich die Janitscharen, die Privatarmee des Sultan. So sei diese Beschwörung des Heidschi Bumbeitschi eine Variante der Drohung mit einer angsterzeugenden Figur. Das kann der schwarze Mann sein aber auch der Türke oder sonst noch was in der Richtung fremder böser Mächte.
Andere wieder haben erforscht, dass diese Wendung aus dem Griechischen stammt und über Wien in den deutschen Sprachgebrauch kam. So sei ein österreichischer Herzog einst mit der Tochter eines byzantinischen Kaisers verheiratet gewesen. Die habe ihren Kindern ein griechisches Wiegenlied vorgesungen: "Heude mu paidion" (Schlaf, mein Kind) und daraus hätten die Wiener Heidschi Bum-beidschi gemacht.
Von der türkischen Gefahr zur sprachlichen Eingemeindung eines griechischen Wortes. Die Forschung im Internet ist schon voller Extreme.
Es bleibt die Tatsache, dass in der Zeit, als das Kinderlied entstand, der Kindstod nichts Besonders war. Und wie erwartet, so kommt es denn auch:
4. Und da Heitschi-Bumbeitschi is kumma
und hat ma mei Büabal mitgnumma.
Er hat ma's mitgnumma und hats nimma bracht.
Drum wünsch i meim Büabal a recht guate Nacht!
Aber heitschi bumbeitschi bumbum,
aber heitschi bumbeitschi bumbum+
Der Heitschi Bumbeitschi – was anderes kann er sein als der Tod.
Aus Südtirol stammt das Lied und von daher hat es was vom österreichischen Tanz ums Makabre.
Die Ängste bannen, in dem man ihnen vorgreift. Das Kind zum Himmel locken, wo es noch auf der Erde ist. Das alles gehört in diese wirre Welt.
Dass die Welt wirr ist, damit haben die Österreicher immer Recht. Denn während ich das Heitschi Bumbeitschi der Textexegese unterziehe, ermitteln zahlreiche Kriminalkommissare im Internet gegen einen umfangreichen Kinderpornoring. Codewort: „Himmel“. Oh, Mein Gott: „Abba Heitschi Bumbeitschi im Himmel.“

Ist das nicht schön, bei uns werden die Esswaren mit dem Kran gebracht - Vorsicht keine Schleichwerbung.