Mittwoch, 3. Februar 2010

Immer wieder ein Sonnenuntergan

Sonnenuntergang heute


Heute mal wieder ein schönes Bild von den Tatsachen der Erde. Die Sonnen geht auf und unter, worüber Heinrich Heine schon ironisch gedichtet hat.

Das Fräulein stand am Meere...

Das Fräulein stand am Meere
und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! Sein sie munter,
das ist ein altes Stück;
hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück.

Dies alles im Bewusstsein, noch eine sehr hübsche Anekdote mit politisch-ideologischem Hintergrund.

Zwei alte Genossen – fest überzeugt davon, dass die sozialistische Gesellschaft siegen wird - treffen sich und bereden die baldigen positiven Folgen dieses triumphalen Sieges.
Und weil man so einen Sieg noch besser auskostet, wenn man die Niederlage des Besiegten verbal feiert, bereden sie auch noch den ja überall spürbaren Niedergang der bürgerlichen Kultur.

Wie diese bürgerliche Kultur sich so immer tiefer ins Gestrüpp der Dekadenz verwickelt und in ihrer elitären Ferne von den arbeitenden Massen verkommt und wie sie damit so sicher und gesetzmäßig immer mehr und immer mehr untergeht.

Plötzlich seufzt einer der beiden Genossen auf: „Ja, das stimmt schon alles mit der bürgerlichen Gesellschaft und ihrem gesetzmäßigen Verschwinden.“
Der Andere, ideologisch-gefestigt, fragt streng nach: „Ja und, was ist daran zu beklagen? Fehlt es Dir an der richtigen Überzeugung?

„Nein“, meint der andere, „das nicht, aber – mein Gott, was für ein prachtvoller Sonnenuntergang“.

Nächtliches Kunsterlebnis

Letzte Nacht konnte ich lange nicht einschlafen - weiß nicht warum. Vielleicht der Wetterwechsel. Also nahm ich resigniert den Knopf ins Ohr und lauschte noch ein bisschen Radio. "Neue Musik" heißt eine Sendung, die ab 0.00 Uhr bei www.dradio.de läuft.
Vorgestellt wurde ein Musikwissenschaftler, Moderator im Rundfunk gefürchteter Berichterstatter über etliche einschlägige Festivals und Komponist namens Arno Lücker

http://komposition.system.at/index.html

Ehrlich - es war hochinteressant. Zum einen, weil ein kluger Kollege und Mitkomponist namens Johannes Kreidler http://www.kreidler-net.de/
die aktuelle Sendung über Lücker gestaltet und dabei viel erklärt hat.

Der Wechsel vom Tonalen zum Atonalen

Die Loslösung der Musik von ihrem tonalen Rahmen und Regelwerk bei gleichzeitiger Verwendung von Instrumenten, die aber noch nach diesem Rahmen funktionieren wurde erklärt. Die kompakte Speichermöglichkeiten auf der Festplatte und die dadurch möglichen unglaublichen Misch- und Kompositionsmöglichkeiten waren ein Thema. Alles sehr spannend. Und - so das Credo des Komponisten selbst - dass der Übergang von der tonalen zur atonalen Musik auch begleitet sein muss von größerer Individualität, wenn diese nicht im Klischee erstarren will. Ich muss sagen, ohne diese ganzen Einlassungen hätte ich das, was dann kam, als absolut irritierend und blöde abgetan. Aber so...

„Ich...nicht“ mit Kotzgeräuschen

Das Stück um dessen Aufführung vorher so viele Worte gemacht wurde, hieß: „Ich ....nicht.“ Den Hintergrund erklärte der Schöpfer in einem Interview: Er hat einen Liebesschmerz vertont. Eine vertraute, gemeinsam mit der einstigen Geliebten gehörte Musik - nämlich Robert Schumanns "Ich grolle nicht" - wird mit Streichern angedeutet, „ausgelegt“ oder in dekonstruierter Form „aufgegriffen“. Das quietscht ein bisschen, aber ist doch noch plausibler Geigenton.
Zunehmend unterlegt werden diese Streicherquietscher mit den Geräuschen, die ein Mensch erzeugt, wenn er sich erbricht. Der Komponist nannte das unfrisiert: "Kotzgeräusche". Ich sage Euch, das war ein Klangerlebnis. Gemeint ist, dass ein solch vertrautes Lied, wenn es einen so schmerzvoll erinnert, dann zum Kotzen ist. Punkt. Und es endet folgerichtig auf den ersten tonalen Takt des Schumann-Liedes.

Wirklich ein aufstörendes Erlebnis. Zum Einschlafen hat es mich nicht gebracht, sondern eher ein bisschen zum Lachen. Aber der Komponist hatte vorher schon einmal erklärt, ihm sie wurscht, wie die Zuhörer reagieren.

Eigene Kompositionsideen
wieder ad acta gelegt


Meine Reaktion hatte damit zu tun, dass nebenher auch noch ein bisschen das Schnarchen des Gatten zu hören war. Mich hat das zu der Erwägung gebracht, mal ein eigenes Werk - vielleicht mit diesem Hintergrund - zu erschaffen. Aber ich nahm Abstand, denn eigentlich stört mich dieses leichte Schlafgeräusch nicht. Es wohnt ihm also nicht die erforderliche Dramatik inne.

Ohne verbale Einführung
geht alles nicht


Genug gekaspert: Es war trotzdem noch interessant.
Nur ohne den entsprechenden verbalen Rahmen versteht der Rezipient das einfach nicht. Wobei: Darum gehts auch nicht. Es geht dem Autor einzig um eine für ihn authentische wahrhafte Gefühlsäußerung. Was die Leute damit anfangen ist ihm, wie schon erklärt, völlig egal.

Das nächste vorgestellte Werk war eines für Trompete mit Einspielung.
Der Komponist hat die in sämtlichen Bruckner-Sinfonien zu hörenden Blechbläserparts und alle tutti aus denen das Blech deutlich herauszuhören war, herausgeschnitten und zusammenkomponiert.
Das war gar nicht mal so uninteressant.

Hier der ausladende Name des Werkes:
I was like: "Oh my God!"
And she was like: "What the fuck!"
And we were like: "Oh my God, what the fuck!"
(für Trompete und Zuspielung) (2008/2009)


Und ganz spannend war ein Grunge für Klavier, bei dem ein Stück der Popband Nirwana - mehroktavig bearbeitet und verwendet wird.
Also das klang gut, aber ich war dann schläfrig.

Ich bin weit davon entfernt, den kleinbürgerlichen Schöngeist rauszuhängen und zu jammern, dass das ja alles so...usw. Kurzerhand auch „ich grolle nicht“. Aber, anfreunden ist auch schwer.

Das Einzige was man mit Fremdem tun kann ist: Verstehen lernen, lieben muss man das nicht.

Andererseits: Es gibt ein ganz wunderbares Komponiersystem im Internet. "Ludwig" heißt das. Damit kann man Töne kompositorisch bearbeiten. Allerdings, soweit ich das übersehe, nur tonal.

http://www.komponieren.de/?gclid=CPXM3PzP058CFQGA3godwzL4cw

Ich habe es mal ausprobiert, aber ich bin nicht mehr firm genug in der Musiklehre Andere schaffen damit ganz epochale Werke. Bei mir waren es nur drei Töne, dann blieb sie hängen die Anwendung, die ganz schön viel Arbeitsspeicher braucht.

Atonal aber geht da wohl nichts - das ist, wie ich gelernt habe, an keine Regel gebunden, sondern immer ganz individuell.

Individuell muss ich sagen, dass ich trotz der gehabten neuen Einsichten und Einhörungen dann doch eine ruhige Nacht verbracht habe.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Jerome D. Salinger

Wenn ich mich recht erinnere, erschien Salingers „Fänger im Roggen“ in der DDR in den sechziger Jahren. Ich las es wohl nur ,weil es ein englischer Autor war, wie ich dachte. Und dann hatte ich ein Gefühl von Verstanden werden, einfach so als junger Mensch. Auch ich als junges Mädchen kannte das Gefühl, wenn man Ball spielt bis in die Dämmerung und will nicht nach Hause, weil es so gut ist und die Welt so in Ordnung und alles stimmt, wie es gerade ist.
Bei Salinger spielten sie Fußball ,bei uns war es irgendein Völkerball.

Oder dieser Knaller mit dem hochüberlegenen Schulfreund, der reich ist und seiner Sache so sicher. Dieser verletzte Held mit der kleinen Schwester Phoebe, in die ich mich auch gut reindenken konnte. Die ganze Geschichte rührte mich damals zu Tränen. Und ich wünschte mir, so schreiben zu können.
Vorher war mir das nur einmal noch passiert, dieses Gefühl, dass ich das kenne, dass ich so fühle, auch wenn die Geschichte nicht die meine ist. Das war bei Bölls „Haus ohne Hüter“.
So ist eben Literatur. Man kennt es, auch wenn es eine Geschichte ist, die man nicht kennen kann.
Er ist gestorben der völlig von der Welt zurückgezogene Autor. Ein Treffer mitten ins Herz der Zeiten – dann kam von ihm nichts mehr.

Multimobile An- und Aussichten

Ich bewege mich sehr viel, momentan allerdings mehr vor Ort. Jedenfalls solange bis das Wetter ein bisschen wanderfreundlicher wird.
Jeden Tag eine halbe Stunde Aerobic zu Klängen, die mich motivieren. Besonders geeignet sind z.B. alte Les Humphries Titel (Mama Lou geht klasse). Oder – mich wegen einer Erinnerung irgendwie auch innerlich bewegend – I can hear music von den Beach Boys. Und – richtig anfeuernd - YMCA von den Village People.

Wenn ich so in meinem Arbeitszimmer rumhopse, - meist wenn der Hausherr auf Beschaffungstour ist - genieße ich den von mir immer mal wieder gepriesenen Blick auf sämtliche Fortbewegungsarten, die es überhaupt in dieser Welt gibt. Die Autos des Autobahnzubringers sehe ich allerdings nur, wenn ich mich dichter zum Fenster bewege.
Autobahn nach Prenzlau Hamburg

Alle fünf Minuten fahren in ungefähr 300 Metern die S-Bahn, der Interregio nach Stralsund, Stettin oder auch nur der Regionalzug Richtung Eberswalde vorbei.
Wenn ein besonders multimobiler Tag ist, sehe ich dann noch die erste Maschine Richtung Tegel einschweben. Sie richten Start- und Landerichtung nach den Wetterlagen. Manchmal sieht man sie auch in den Himmel steigen.
Mich fasziniert das sehr und bringt mich zu Zeitüberschreitungen beim aktiven Turnen, denn, wenn ich am Schreibtisch sitze, sehe ich nur den weiten Himmel und ein bisschen die Häuser und Bäume in der Ferne.

Es gibt immer mal wieder Leute, die meinen, sie fänden das eher abschreckend, dieses Mitten im Verkehr wohnen“. Ich finde das überhaupt nicht. Es ist Stadtgrenze, die Fenster sind schallgeschützt ausgerüstet. Außerdem: Ist es nicht ein bisschen inkonsequent, auf der einen Seite alle Annehmlichkeiten der Mobilität genießen zu wollen, aber weit weg von ihrem aktiven Vollzug zu leben?
Ich finde uns da redlicher.

Heute werde ich sogar für meinen Bewegungsdrang besonders belohnt. In der Ferne, viele Kilometer weit weg, wo sonst immer nur die Elmsfeuer und die hohen Masten der Überlandleitungen auszumachen sind, bewegt sich ein Windkraftrad. Das muss neu sein oder die Sicht ist heute einfach so günstig. Die ändert sich ja jeden Tag.


Klasse noch eine Bewegungsart. Wir üben gleich mal ein bisschen Armkreisen angesichts dieser Entdeckung.

Dienstag, 26. Januar 2010

Natascha Kampusch

Ohmacht und Zorn überleben

Die Sendung über Natascha Kampusch

http://daserste.ndr.de/reportageunddokumentation/kampusch104.html

ging uns lange nach. Meinem Mann imponierte vor allem die verbale Ausdrucksfähigkeit und mich die Fähigkeit zur Reflexion. Schon in den ersten Interviews nach ihrer Befreiung benannte sie das Radio hören, Lesen und Lernen überhaupt als wichtige Überlebenshilfen. Sie hat davon gelernt, sich hervorragend zu artikulieren.

Was auch immer der Grund für diesen Film war - vielleicht die Hoffnung, danach in Ruhe gelassen zu werden – er war sehr bewegend. Sie selbst benannte gegen Ende der Sendung ihr inneres Ziel, unbedingt zu vermeiden, dass man sie als Opfer darstellt und dies von Anfang an, weil man sonst der Öffentlichkeit erlaube, sie weiter nach unten zu stoßen, immer und immer wieder. Das klang nach bitteren – auch medialen - Erfahrungen.

In der Gefangenschaft hat sie – wie sie berichtet – eine seelische Strategie entwickelt, die es ihr ermöglichte, sich innerlich von ihrem Entführer zu distanzieren und zu befreien. Sie nannte es, „Verzeihen“. In dem Moment wo ihr Gewalt und bösartige Willkür widerfuhren, verzieh sie ihm das schon. Sie betrachtete ihn als kranken Menschen, der nicht anders handeln kann.
Nur so konnte sie sich vor den zerstörerischen Folgen von Hass und Ohnmacht retten. Sie meinte, mit diesen destruktiven Gefühlen im Herzen hätte sie nicht überlebt. Aggressionen, die man nicht ausagieren kann oder auch nicht will, brauchen eine Umwandlung. Mir fiel die christliche Strategie des „Verzeihens“ ein, oder auch dies „Die andere Backe“ hinhalten. Schafft man damit nicht auch genau die Gleiche ? Und – überhebt man sich damit nicht über jenen anderen Gewalttätigen, scheinbar Stärkeren?
Der Aggressive, der es nicht besser weiß und der Duldsame, unendlich Weisere, der seine Ohnmacht mit dieser Überlegenheitsstrategie bewältigt? Andererseits - ist Aggressivität nicht auch eine zutiefst menschliche Eigenschaft? Es gibt ihn eben doch, den Unterschied zwischen einfachem Verdrängen und Sublimieren - vielleicht.
In Kampuschs Fall war es auf jeden Fall eine wirksamer und weiser Umgang mit Ohnmacht und Ausgeliefert sein.
Mir fiel noch vor dem Einschlafen das Buch von Viktor E. Frankl ein:
„...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“.

http://www.amazon.de/trotzdem-Leben-sagen-Konzentrationslager/dp/3423301422

Er schreibt im Vorwort; der Gedanke, er stünde später einmal vor einem Auditorium und berichte über diese demütigende, entsetzliche Zeit aus wissenschaftlicher Sicht , habe ihm Kraft gegeben.
Dieses objektivierende Beobachten schafft ebenfalls den Abstand, den die Seele braucht, um nicht zugrunde zu gehen. Wie lange aber der Mensch das durchhält, wer weiß es schon.
Sonnenaufgang-Jan-2
Ein Sonnenaufgang von heute zum Trost

Samstag, 23. Januar 2010

Allerlei Parameter

Innere Werte:

1.Welche Seelengröße tragen Sie?
2.Wäre ein Leidensdruckmesser Ihnen hilfreich?
3.Wie ermitteln Sie Ihren maximalen Empörungsgrad?
4.Wie loten Sie ihre Gefühlstiefe aus
5.Würden Sie gern ein emotionales Rührwerk gebrauchen?
6.Wäre Ihnen ein seelischer Bewegungsmelder sinnvoll?

Donnerstag, 21. Januar 2010

Noch einmal: Schreibängste

Es ist schon so. Einmal, irgendwann einmal muss man sich zu dem bekennen, was man ist. Entweder man hat den Mut und packt seine Sachen aus oder sie bleiben für alle Zeiten im Beutel, Wandersack in der Tasche in den Hosentaschen wo auch immer man sie vergraben hat. Und wenn man sich bekennt, dann gibt es auch ein Urteil und wenn es ein Urteil gibt, dann kann es das Ende sein. Also verschiebt man das Auspacken und lässt die Sachen da wo sie sind.

Nur ab und an lässt man was sehen – soviel, dass es immer nur einen Eindruck gibt. Dass immer nur ein wenig zu sehen ist von dem, was man noch eine Weile für sich behält. So ist das eben.

Was ist der Preis dafür? Man erfährt nie was Genaues über sich. Man bleibt immer jemand, der vielleicht, aber auch nur vielleicht Hoffnungen weckt, und wenn jene, bei denen man die Hoffnungen geweckt haben, mehr wissen wollen, dann hält man sie hin, dann lässt man sie warten, dann bleibt man bei sich bis die Hoffnung geschwunden ist. Und weil das traurig macht, muss man neue Leute suchen, die man mit Fragmenten beeindrucken kann, bis auch sie das Ganze sehen wollen und das Pokern ein Ende hat. Dann kann man wieder gewinnen oder verlieren. Für immer Bescheid wissen, das ist etwas wie das Sterben. Wenn es ein Urteil gibt, dann ist man eigentlich tot, dann ist man erledigt.

Warum warum nur diese Furcht vor dem Urteil. Es kann doch auch heißen lebenslänglich begnadigt.

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Zuletzt aktualisiert: 12. Apr, 12:18

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